Meine Toleranzschwelle, was Ekel angeht, ist nicht besonders niedrig. Über die zahlreichen Popel, die während meiner Fahrt durch den Münchner Untergrund auf dem Boden der U-Bahn landeten, mit einer gekonnten Fingerbewegung nach unten geschnippt wurden, oder die so lange zwischen den Fingern gerollt wurden, bis aus dem schleimigen Etwas, das aus der Nase kam, etwas festes, unter Umständen sogar verspeisbares geworden war, rege ich mich gar nicht auf. Abgerissen aussehende Männer, die stechend nach Alkohol rochen oder einfach ungepflegt waren, Frauen, bei denen ich die fettigen Haare beim Blick auf den hellen Scheitel einzeln zählen konnte, fand ich mittlerweile nicht mehr ekelig. Aber ihn.
12:43 Uhr. Hauptbahnhof.
Er stieg ein und setzte sich in die Mitte der Sitzbank, direkt an das Waggonende. In der Hand hatte er einen „Coffee to go“, er trug einen feinen Nadelstreifenanzug, ein rosa Hemd und eine bläuliche Krawatte. Etwas bleich sah er aus. Als er den Deckel seines Bechers anhob und dabei ziemlich verzweifelt blickte, hätte ich eigentlich misstrauisch werden sollen. Mit verzerrtem Gesicht schob er den Becher näher an seinen Mund. Nahm keinen Schluck, sondern japste nach Luft als ob er Schluckauf hätte. Kurz darauf floss eine braune, teigige Masse aus seinem Mund in den Kaffeebecher. Mir kam es vor wie eine Ewigkeit, bis er endlich seinen Mund mit einer Bewegung, die an wiederkäuende Kühe erinnerte, schloss. Zweimal spuckte er wässrig-braune Reste in den Becher, bis er den Deckel wieder darauf drückte und so tat, als wäre nichts geschehen. Mir war schlecht. Zwei Stationen später stellte er den Becher auf den Boden, gab ihm mit seinem rechten Lack-Schuh noch einen leichten Schubser nach hinten und stieg aus. Eine Station später, stieg ich aus der U-Bahn und wechselte den Waggon. Der Becher war umgefallen, sein Inhalt floss langsam über den grauen Boden…