Achtung – jetzt wird es etwas umfangreicher. Wie versprochen, gibt es hier ab und an ein paar Fingerübungen von mir zu lesen – mit der Aufforderung, sie zu genießen, zu kommentieren, zu zerreißen,… Die Geschichte, die nun folgt, habe ich anlässlich des SZ-Krimiwettbewerbs eingereicht – damals gab es noch eine Publikumsabstimmung, die in der Folge durch eine Jurywertung abgelöst wurde. So ganz sicher bin ich mir nicht mehr, aber ich denke, dass ich mit dieser Geschichte nichts gewonnen habe (die Juli-Geschichte wurde von der Jury als Monatssieger gekürt – und ich damit stolzer Besitzer einer SZ-Krimibibliothek, die auch zu großen Teilen noch nicht ausgelesen ist). Prinzip des Wettbewerbs war es, aus einem beliebigen Versatzstück aus einem der Kriminalromane der SZ-Krimireihe einen Kurzkrimi zu schreiben (nicht mehr als 10.000 Zeichen). Hier meine Kreation:
“Vielleicht sah sie deshalb so häufig aus dem Fenster. Um zu sehen, was für Wetter war. Das macht man ja oft, wenn man aufsteht. Und jedes Mal, wenn es draußen häßlich war, mußte sie natürlich an Griechenland denken. Bei diesen Betrachtungen stiegen mit den Jahren immer häufiger nostalgische Erinnerungen in ihr hoch, die sich an manchen Morgen bis zu Groll steigerten. Dann war es wieder vorbei. Aber heute morgen stimmte etwas nicht im Garten. Sie öffnete das Fenster und musterte das Fleckchen Erde, auf dem sie jeden Grashalm kannte. Was sie sah, ließ sie frösteln.”(1)
Im Garten lag ein menschlicher Körper, daran zweifelte sie keine Sekunde. Die Morgendämmerung und vereinzelte, blasse Morgennebelreste überzogen die Szene mit einem verschwommenen Schleier. War es ein Mann oder eine Frau? Sie konnte es nicht erkennen. Etwa zwei Schritte neben dem Körper lag ein kleiner Gegenstand.
Maria drehte sich um. Sie hatte die Decken ihres Doppelbetts zurückgeschlagen. Claus war aufgestanden und wie jeden Morgen auf dem Weg zum Bäcker. Vier Kilometer, einfach. Er nutzte diese Strecke, um sich in Form zu halten. Das abgelegene Häuschen mit Garten und großem Waldstück hatten sie sich vor mehr als zwanzig Jahren gekauft und das heruntergekommene Gebäude in Eigenarbeit liebevoll renoviert. Damals wollten sie dem Großstadttrubel entkommen – doch jetzt verfluchte Maria die Abgeschiedenheit. Sie war zu neugierig, um darauf zu warten, bis ihr Mann wieder zurückkommen würde.
Beim Gedanken an Claus zog es ihr den Brustkorb zusammen. Wenn er dort draußen liegen würde? Neben ihm die Brötchentüte? Sie ließ sich auf das Bett fallen und ordnete ihre Gedanken. Nein. Er hatte heute Morgen nicht über sein Herz geklagt. Er war gesund – und auf dem Weg zum Bäcker.
Sie schlüpfte in seinen Morgenmantel, sog sanft den herben Geruch ein und ging die Treppen hinunter. Aus der Küche zog ihr ein leichter Duft von Pfefferminze entgegen, er hatte das Frühstück vorbereitet. Maria sah vor ihrem inneren Auge den Tee dampfend auf dem Tisch stehen, frische Minzblätter schwammen an der Oberfläche. Sie schüttelte die Vorstellung ab. Ein schwerer Gegenstand. Eine Waffe. Irgendetwas musste sie suchen, damit sie sich sicher genug fühlte, um das Haus zu verlassen und zu dem Körper zu gehen. Sie öffnete die Kellertür und war überrascht über den kalten Luftzug, der ihr entgegenströmte. Langsam tastete sie sich die Treppen nach unten, schaltete auf der letzten Stufe das Licht ein und zuckte zusammen. Zwei Beine baumelten an einem Regal. Sie atmete tief durch, ging die letzte Stufe nach unten und schob die Arbeitshose ihres Mannes beiseite. Dahinter lag Werkzeug, Maria suchte sich einen schweren Hammer, zog den Morgenmantel enger um den Schlafanzug und verließ den Keller schneller als dass sie sich einreden konnte, sie sei ruhig und gelassen. Sie verschloss die Kellertür, machte drei hastige Schritte über den Flur und betrat den Garten. Die wenigen Meter bis zu dem Körper schienen endlos. Taufeuchte Grashalme strichen widerwillig an ihren nackten Füßen entlang, als wollten sie sie zurückhalten.
Der kleine Gegenstand erregte als erster ihre Aufmerksamkeit. Es war eine Hand. Blutig, abgehackt. Die kleinen, grau-weißen Härchen waren nur noch mühsam zu erkennen. Das Blut hatte sie verklebt und formte ein bizarres Blumenmuster auf dem bleichen Untergrund. Sie kannte die Hand. Sie kannte den Körper. Claus lag vor ihr auf der Wiese, etwas hatte sein Auge bis tief ins Gehirn durchbohrt. Maria sank auf die Knie und ließ ihren Kopf auf seine Brust sinken.
Die Sonne brannte ihr im Nacken, an den Knien spürte sie den feuchten Rasen. Sie wusste nicht, wie lange sie dort gesessen hatte. Erst als sie sich erhob, brach es aus ihr heraus. Ihr lauter, schriller Schrei verhallte in der Landschaft, nur zwei Vögel flatterten empört einen Baum weiter. Sie blickte zum Haus und hastete zum Eingang. Sie suchte nach dem Telefon. Im Wohnzimmer. Dort lag es, blinkte regelmäßig mit einem gleißend roten Licht. Tot. Der Akku war leer. Wenn sie es laden würde, könnte es Stunden dauern. Scheiß Technik! dachte sie bei sich. Dann fiel ihr sein Handy ein. Es müsste in der Küche liegen. Auf dem Weg zur Küche schloss sie gedankenverloren die Kellertür. Verwirrt starrte sie auf den Fußboden der Küche.
…Sie hatten bei der Renovierung angebaut – im Anbau befand sich die großzügig gestaltete Küche. Der Fußboden war mit Mosaikfliesen aus ihrem griechischen Ferienhaus verziert. Maria hatte es sich gewünscht, und Claus hatte wunschgemäß in ihrem Haus bei Filiátai die Fliesen entfernt und nach Deutschland transportieren lassen. Sie liebte dieses Feriendomizil immer noch. Leider wurde durch diese Aktion das Haus schwer beschädigt. Er hatte alles geregelt. Für Ersatz auf den Peloponnes gesorgt. Und ihr sanft beigebracht, dass es besser für sie wäre, nicht mehr nach Filiátai zu fahren. Das neue Haus war kein wirklicher Ersatz. Maria ärgerte sich immer noch – obwohl Claus mittlerweile tot auf dem Rasen lag – dass er sie damals so behandelt hatte…
Ihre Gedanken wurden wieder auf die Fliesen gelenkt. Jemand hatte den Boden aufgebrochen – im Küchenboden klaffte ein großes, längliches Loch. Der zur Seite geschobene Küchentisch würde darin bequem Platz finden. Erde war daneben aufgeschüttet – Maria ging vorsichtig näher heran. Grober Sand bröckelte vom Rand herab und kullerte auf den Boden des Lochs. Sie drehte sich um und blickte zur Kellertür. Offen. Sie packte den Hammer fester und suchte die Küche nach dem Handy ab, ohne die Kellertür aus den Augen zu lassen. Es dauerte nicht lange, und sie hatte das Handy gefunden. Es war ausgeschaltet. Warum war sie nie so indiskret gewesen, und kannte seine Geheimnummer? Nach drei vergeblichen Versuchen pfefferte sie das Handy auf den Fußboden.
Sie musste weg. Der Mörder war offensichtlich noch hier. Mit ihrem Fahrrad könnte sie lautlos das Grundstück verlassen und die Polizei alarmieren. Vorsichtig schlich sie aus der Küche. Als sie die Rundung der Türklinke schon in ihrer Handfläche spürte, schabte etwas hinter ihr über den Boden. Maria überlegte nicht lange. Sie legte all ihre Kraft in den Schlag, mit dem sie herumwirbelte und ihren Angreifer treffen wollte. Der Hammer prallte an einem harten Gegendstand ab und sie blickte einem dunkelhaarigen Mann in die Augen.
»Μην το ξανακάνετε, σας παρακαλώ!«
Sie brauchte einen Moment, um in die fremde Sprache umzuschalten. Sie hatte gar keine Chance, ihn noch einmal zu schlagen. Er hatte ihr den Hammer aus der Hand gewunden.
»In die Küche!« er hatte eine dunkle, harte Stimme. Wenn sie sich nicht irrte, sprach er einen nordgriechischen Dialekt. Wie in Filiátai. Sie gehorchte und stolperte zurück in die Küche. Vor dem Loch im Fußboden packte er sie am Morgenmantel und drehte sie um. Maria betrachtete seine Hände. An der linken Hand, dort, wo ihr Schlag gelandet war, saß ein Haken. Er blickte sie an, zog mit einer theatralischen Geste den Haken vom Arm und schüttelte seinen Stumpf vor ihren Augen.
»Das verdanke ich dir und deinem Mann!«. Seine Augen funkelten.
»Wann sollen wir Ihnen das angetan haben?«, Marias Griechisch war eingerostet – aber er hatte sie offenbar verstanden.
»Das da!«, er deutete auf den Fußboden »ist schuld.«
»Die Kacheln?«
»Die Fliesen – ja. Sie hätte dort ewig liegen können. Drei Jahre hat niemand nach ihr gefragt. Dann kommst du, willst den Fußboden mit nach Deutschland nehmen. Griechenland kann man nicht einpacken!«
Maria verstand gar nichts. Vor ihr stand dieser dunkle Mann und brannte vor Wut.
»Nachdem sie sie gefunden haben – nachdem ihr den Fußboden aufgerissen habt, musste ich ins Gefängnis. 15 Jahre. Doch das ist nicht das schlimmste. Ihre Familie hat mich gewarnt. Rache. Wenn ich meine Strafe abgesessen habe, würden sie Rache üben für ihre Schwester und Tochter. Als kleine Warnung haben sie mir das da verpasst.«, er wedelte mit seinem Stumpf.
Maria verstand. Claus hatte ihr absichtlich verschwiegen, dass eine Leiche unter dem Fußboden gefunden wurde – weil sie diese Fliesen so liebte.
Der Grieche war noch nicht fertig.
»Ich wache eines Tages auf und mir fehlt eine Hand – was denkst Du, fühlt man da? Wie lange, denkst Du, werden sie noch brauchen, bis sie mich gefunden haben? Wenn ich euch gefunden habe, dann können sie das auch. Aber ich werde dann fertig sein.«
Er ging zwei Schritte auf sie zu.
»Ich will nur Gerechtigkeit.«, sagte er.
»Was für eine Gerechtigkeit?« fragte Maria. Sie spürte einen kalten, glatten Gegenstand in ihr Auge eindringen. Dann wurde es hell…
(1) Aus: Es geht mir gut, Margaret Millar