Hier ein weiterer Kurzkrimi – ebenfalls anlässlich des SZ-Krimiwettbewerbs geschrieben – und zudem im gleichen Monate wie der letzte Krimi. Kurz erklärt: nehmt es nicht all zu ernst… Wem das nicht gefällt – ein Krimi-Tipp am Rande – hier gibt es interessantes über ein kostenloses Krimi-Hörbuch zu lesen…
“Vielleicht sah sie deshalb so häufig aus dem Fenster. Um zu sehen, was für Wetter war. Das macht man ja oft, wenn man aufsteht. Und jedes Mal, wenn es draußen häßlich war, mußte sie natürlich an Griechenland denken. Bei diesen Betrachtungen stiegen mit den Jahren immer häufiger nostalgische Erinnerungen in ihr hoch, die sich an manchen Morgen bis zu Groll steigerten. Dann war es wieder vorbei. Aber heute morgen stimmte etwas nicht im Garten. Sie öffnete das Fenster und musterte das Fleckchen Erde, auf dem sie jeden Grashalm kannte. Was sie sah, ließ sie frösteln.”(1)
Auf dem trockenen Erdboden in ihrem Garten lagen kleine, weiße Markierungen. Sie bildeten einen Kreis. Ihr Mann bog um die Ecke. Er trug, wie jeden Morgen, seine Lockenwickler, sein Hemd war weit aufgeknöpft. Er schob einen Schubkarren, auf dem ein lebloser Körper lag. Quer darüber wackelte ein Gartentisch hin und her. Elsa stieß das Fenster zu, lief zur Haustür und holte ihren Mann kurz vor den Markierungen ein.
»Was machst du mit der Leiche?«, fragte sie.
»Ich habe noch drei weitere. Die kommen hier und hier hin.« Er deutete auf die Markierungen.
»Wofür?«
»Ich will eine griechische Dorfszene nachstellen. Männer die Tavli spielen. Und ein paar Zuschauer. Eine idyllische Szene.«
Ihr Mann war Griechenland-Fan. Fanatiker, um es korrekt zu benennen. Der vormals grüne Garten war einer griechischen Einöde gewichen. Hier und dort ragten künstliche Säulenfragmente aus dem bräunlichen Sandboden. Zwischen Zypressen lugten vereinzelte Pinien hervor. Sven hatte überall Steine verstreut, die Wiese fast vollständig abgetragen und durch Macchie-Sträucher ersetzt. Den paar Grashalmen, die noch standen, hatte Elsa Namen gegeben.
»Wo hast du die Leichen her?«
»Janes Krimibedarf. Sie halten ein Jahr – und wenn man sie im Winter nicht draußen stehen lässt, dann könnten sie sogar noch ein weiteres Jahr unseren Garten verschönern.« Er lud den Tisch und die Leiche ab und verschwand mit der Schubkarre hinter dem Haus.
…Es hatte harmlos angefangen. Flitterwochen auf Kreta. Der erste Urlaub in Athen. Gemeinsame Reise mit seinen Eltern nach Trikala. Die Einladung eines alten Kollegen nach Korinth. Sven hatte da und dort Andenken aus Griechenland mitgenommen. Was sie nicht im Auto oder im Flugzeug transportieren konnten, ließ er sich von Freunden schicken. Er dekorierte das Wohnzimmer um und tobte sich im Garten aus.
Dann fing er an, sich zu verändern. Sven hatte ursprünglich raspelkurze, blonde Haare, war groß, etwas weich im Gesicht, aber sehr anschmiegsam. Nun trug er sein Haar halblang und es war pechschwarz. Sogar sein drei-Tage-Bart, den er stehen ließ, wurde härter und dunkel. Wie er das anstellte, war Elsa noch immer ein Rätsel. Vielleicht hing es mit der stärkeren Behaarung zusammen, die sie ganz allgemein bei ihm festgestellt hatte. Sein blass-rötliches Gesicht nahm mit der Zeit einen Oliveton an. Er experimentierte mit Solarien und Bräunungscremes, bis er den richtigen Farbton gefunden hatte…
»Kannst Du mir mal helfen?« er kam um die Ecke.
»Sven…«
»Du weißt doch« er blickte sie vorwurfsvoll an.
»Sotirios, findest du das nicht ein bisschen übertrieben?«
»Blödsinn. Auf die richtige Stimmung kommt es an. Du liebst Griechenland doch auch. Hier können wir uns heimisch fühlen, und sind gleichzeitig dort.«
Elsa zuckte resigniert mit den Schultern und half Sven-Sotirios bei der zweiten Leiche. Gemeinsam schafften sie es, der Szene richtig Leben einzuhauchen.
»Fehlen nur noch die Zuschauer. Die habe ich auch noch.«
»Was ist denn, wenn die doch nicht so lange halten?«
»Dann sorge ich für Nachschub!« Er zückte ein Messer und starrte Elsa mit irrem Blick an.
Elsa zögerte keinen Moment. Sie rannte, so schnell sie ihre Beine tragen konnten. Weg, nur weg von ihrem verrückten Mann. Sie hörte ihn noch rufen.
»Nein! Nicht da hin!«
Elsa lief weiter. Dann war sie wie vom Erdboden verschluckt.
Sotirios zuckte mit den Schultern.
»Da war die Geschichte zu Ende – weiter als hinter diesen kleinen Erdhügel reichen die Beschreibungen des Autors nicht. Ich habe das oft kritisiert. Das wusste sie!« Dann packte er den Schubkarren und holte die dritte Leiche.
Elsa stand in einer Art Nebel. Nirgends war etwas zu sehen. Es war weder hell noch dunkel – weder warm noch kalt – es war nicht bunt und auch nicht schwarz-weiß. Sie hatte seine Warnungen vergessen. Und nun stand sie außerhalb ihrer eigenen Geschichte. Sie hatte keine Ahnung, wie sie wieder zurückkommen sollte, denn orientieren konnte sie sich hier im Nichts nicht. Sie blickte auf ihre Beine hinab und hatte langsam Schwierigkeiten, diese zu erkennen. Sie fror. Oder schwitzte sie? Elsa versuchte, sich umzudrehen, aber sie hatte nicht das Gefühl, dass sich an ihrer Situation etwas änderte.
Ein grüner Streifen schoss auf sie zu – zwei Sekunden später stand sie auf einer prächtigen Wiese. Frische Blumen verströmten einen süßen Duft, das Gras war satt und grün, kleine, bunte Käfer krabbelten zwischen den Halmen umher. Elsa glaubte, ein Vogelzwitschern zu hören. Sie folgte dem Grünstreifen. An seinem Ende wurde der Bewuchs dünner. Hier war der Übergang zu ihrer Geschichte. Für die grüne Pracht war dort kein Platz.
Elsa purzelte zurück in ihre griechische Realität. Sven hatte mittlerweile die Leichen drapiert und werkelte auf dem Dach herum.
»Was machst du da?«, rief Elsa.
»Ich? Siehst du gleich. Ich komme runter.«
Elsa erwartete nichts Gutes. Mit einem Strahlen lief ihr Mann aus dem Haus und wedelte mit einem Plastikteil, an das er eine Schnur gebunden hatte. Elsa blickte genauer hin. Es war ein Kabel. Sven stellte sich direkt neben sie, und reichte ihr eine Sonnenbrille.
»Dich macht doch das trübe Wetter immer so nachdenklich – du sehnst dich nach Griechenland, das weiß ich.«
Wusste er. Elsa setzte ihre Brille auf und schüttelte innerlich den Kopf.
»Damit wir nicht mehr frieren müssen.« Er drückte einen Knopf, es klang, als ob ein Feuerwerk gezündet wurde und augenblicklich konnte Elsa das Haus nicht mehr erkennen. Es war unerträglich hell. Elsa drehte sich zu den stummen griechischen Zeugen um. Die schwarzen und weißen Tavli-Steine verpufften mit einem empörten Knall und lösten sich in Rauch auf. Etwas brummte.
Es klirrte und ein undeutlicher, kleiner Gegenstand schoss aus der Richtung des Hauses direkt auf sie zu. Elsa wich aus, ihr Körper bewegte sich wie in Zeitlupe. Dann sah sie nichts mehr.
Sie zwickte sich in den Arm. Sie lebte. Und langsam konnte sie Schemen erkennen. Irgendjemand hatte das Licht wieder ausgeschaltet. Sven kam bereits mit dem kleinen Kasten in der Hand zu ihr. Der Kasten dampfte.
»Da braucht es wohl noch etwas Feinarbeit.« Er lächelte sie an, und zog seine Sonnebrille langsam ab. Trotz seiner Bräune konnte man deutlich sehen, wo die Brille gesessen hatte. Wie ein nackter Arsch glänzten die Wangenknochen aus dem tiefgebräunten Gesicht. Jetzt erkannte auch Elsa, was er in der Hand hielt. Der Stromzähler hatte der Extrembelastung nicht standgehalten und sich demonstrativ verabschiedet.
»Das ist unsere Sonne. Was sagst du dazu?«
Elsa schüttelte nur den Kopf.
»Ich gehe jetzt rein. Das muss reichen.«
Sie drehte sich in Richtung des Hauses um – bunte Flecken tanzten vor ihren Augen. Doch Sven trat hinter sie und hielt sie fest.
»Bleib hier. Setz dich mit mir an den Tisch, bitte.«
Er zerrte sie zurück und platzierte sie neben eine der Leichen an dem Tisch. Traurig schaute er auf die kümmerlichen Reste der Steine. Elsa hatte den Kopf gesenkt. Ihr Blick fiel auf ihren Ehering, den Sven vor zwei Wochen umgravieren ließ. Jetzt stand dort Sotirios. Sie war mit einem Mann verheiratet, mit dem sie nicht vor dem Traualtar gestanden hatte.
Sanft nahm er ihre Hand, zog sie wieder nach oben und streckte seine Arme aus. Er wollte mit ihr tanzen. Einen kurzen Moment dachte Elsa, dass er einen romantischen Anflug hätte, doch als er sanft in die Knie ging, wusste sie, was er tanzen würde. Sie griff hinter sich, hob das Messer auf, das er auf den Tisch gelegt hatte und näherte sich ihrem tanzenden Gatten. Sotirios blickte sie erstaunt an. Sie nahm noch einen leichten Anisduft wahr, als er seinen Mund für einen Schrei öffnete. Dann stach sie zu. Zwei Mal. Drei mal. Sotirios fiel zu Boden. Elsa wusste, dass auch Sven nicht mehr aufstehen würde.
Sie zuckte mit den Schultern. Bei Jane in dem kleinen, dunklen Laden gab es einen Ratgeber für das perfekte Versteck einer Leiche. Und ein Alibi würde sie auch mitnehmen.
(1) Aus: Es geht mir gut, Margaret Millar