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Mai
04
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Der erste Wurf, Januar-Krimi. Hat nicht die besten Kritiken bekommen, erzielte in der Publikumsabstimmung aber immerhin so viele Stimmen, dass ich ein Buchpaket bekommen habe(die ersten vier Bände der SZ-Krimi-Bibliothek).
“Ein Telephon läutete in der Dunkelheit. Nachdem es dreimal geläutet hatte, knarrten Bettfedern, Finger tasteten auf Holz umher, etwas Kleines, Hartes schlug dumpf auf einen Teppichboden, Bettfedern knarrten erneut, und die Stimme eines Mannes ertönte: Hallo … Ja, am Apparat … Tot? … ja … Fünfzehn Minuten. Danke.”(1)
Nick legte auf. Er fixierte den Punkt in der Dunkelheit, auf den er in den letzten Stunden geblickt hatte und schwenkte das Glas leicht in der linken Hand. Die Eiswürfel klickten nur noch leise gegen den Rand des Glases. Mit einer entschlossenen Geste kippte er den Rest Whiskey in seinen Rachen und schob sich aus dem Bett. Zwei Schritte, dann stand er am Fenster. Langsam zog er die bleischweren Vorhänge zur Seite – gleißend helles Licht strömte direkt durch seine Augen hin zu dem Punkt, an dem sich seit zwei Stunden ein dumpfer Schmerz ausbreitete. Nebel hatte sich, dick und weiß, über die Stadt gelegt. Nick senkte die Augenlider und blickte auf den Nachtisch. Dunkle Flecken tanzten über den Bottich, den er mit Eis gefüllt hatte. Als er daneben die geleerte Flasche Brora stehen sah, wusste er wieder, warum er am liebsten im Dunkeln trank. Er hob das heruntergefallene Eisstück auf und legte es sich auf die Stirn. Nick stöhnte auf, schnappte sich seine Dienstwaffe und verließ seine Wohnung. Auf der Schwelle fuhr er sich über die grauen Bartstoppeln, atmete tief durch, ging aus dem Haus und steuerte unsicher auf seinen alten Wagen zu. Zu spät registrierte er die leisen Schritte, dann klickte es kurz.
»Sie wollen doch in diesem Zustand nicht Ihren Wagen benutzen.«, sprach ihn eine dunkle Stimme an.
Nick drehte sich langsam um. Er blickte in ein grinsendes Gesicht. Unsanft wurde ihm eine Pistole in den Magen gestoßen.
»Ganz langsam. Jacke aufmachen. Hände und Beine auseinander. Die Waffe, bitte.«
Der Unbekannte durchsuchte ihn. Nick spürte eine kalte Hand unter seinem Hemd, dann ließ er seine Faust in das grinsende Gesicht krachen.
»Arschloch. Ich nehme deinen Wagen.«, brummte er, als sein Gegenüber zusammensackte. Er hob die Waffe auf, durchsuchte die Manteltaschen und nahm einen Schlüsselbund an sich. Dann packte er den schlaffen Körper und schleppte ihn in Richtung eines nagelneuen blauen Fords, der verloren vor dem Haus stand. Nick zerrte den Burschen in den Kofferraum und verpasste ihm einen weiteren Schlag.
Eine halbe Stunde später kam er am Tatort an. Seit zwei Monaten wurden in der Stadt Polizisten umgebracht, fünf Kollegen waren den Mördern zum Opfer gefallen. Zeugen der ersten beiden Morde hatten fast identische Angaben gemacht – ein Mann und eine junge Frau, unterwegs in einem neuen Auto, hätten mit dem Polizisten geredet, nach dem Weg gefragt oder eine andere Auskunft erbeten – in einem unbeobachteten Moment fielen gezielte zwei Schüsse. Ein tödlicher Schuss direkt in den Kopf, ein zweiter zwischen die Beine.
Niemand wollte mehr auf der Straße Dienst tun. Nick konnte die Kollegen verstehen. Vier Wochen waren vergangen, seit der letzte, der fünfte Polizist erschossen wurde, und sie hatten gehofft, die Serie wäre zu ihrem Ende gekommen.
Nick stieg vorsichtig aus dem Wagen. Nachdenklich betrachtete er eine Beule an der Fahrerseite. Er atmete tief ein. Nasskalte Luft drang in seine Lungen, befeuchtete die Haare in seiner Nase, langsam kroch der Nebel in seine verschmutzte Kleidung. Er schlug die Tür zu und schleppte sich zur Absperrung. Paul erwartete ihn bereits, kam auf Nick zu und blieb kurz vor ihm stehen.
»Wer?«, krächzte Nick.
Paul wandte sein Gesicht leicht zur Seite.
»Mark – Thomas. Ist seit drei Wochen bei uns.«, er packte Nick am Ärmel und sah ihn eindringlich an. »Immer noch Lynn?«
Nick nickte nur kurz und schüttelte unbeholfen seinen Arm. Die beiden tauchten unter der Absperrung hindurch und gingen zur Leiche.
»Was machen die hier?«, fragte Nick. Er blickte kurz zu drei adrett gekleideten Männern, die ins Gespräch mit der Technikerin vertieft waren.
»Balen, Edwards und Reed. Sie ermitteln. Die Bundesbehörde hat sich eingeschaltet. Sie finden, die Nummer ist zu groß für uns.« Er schnaufte hörbar durch die Nase. »Arrogantes Pack!«
Tief gebückt umkreiste Nick die Leiche, versuchte, sich die Position und Haltung des Opfers einzuprägen. Er hatte das Gefühl, dass dieser Mann anders lag als die letzten Opfer. Oder gab ihm der Whiskey diese Vermutung ein? Er blickte zu Paul auf.
»Findest du, dass etwas anders ist?«
»Nein. Warum?«
»Er liegt anders. Er hat sich nicht gewehrt.«, meinte Nick.
»Die anderen aber auch nicht.«
»Trotzdem.« Nick richtete sich auf, jetzt blickte er leicht auf Paul hinab. »Lass uns zu Jule gehen.«
Paul folgte Nick zur Kriminaltechnikerin, die kopfschüttelnd und gestikulierend mit den drei Bundespolizisten diskutierte.
»Es waren nicht die gleichen Mörder.«, sagte sie.
»Es ist das gleiche Vorgehen.«, wandte einer der Männer ein. Edwards. Sie trugen ihre Ausweise offen, an die Anzüge geheftet.
Jule drehte sich zu Paul und Nick um. »Ich bin davon überzeugt, dass es nur ein Täter war.« Sie winkte mit zwei Patronenhülsen, die sie in Plastiktüten verpackt hatte. »Die Schüsse wurden aus der gleichen Waffe abgefeuert. Bei den anderen Fällen hat es sich um zwei verschiedene Waffen gehandelt. Ein schneller Blick auf die Tüten reichte Nick, um zu sehen, dass Jule Recht hatte. Er schaltete sich in die Diskussion ein.
»Meine Kollegin hat Recht.«
»Davon sind wir nicht überzeugt.«, sagte Edwards.
»Sie behaupten, es wäre einer von uns.« Jule war empört.
»Wir können es beweisen. Alle Opfer waren gemeinsam auf der Polizeischule. Vor zehn Jahren gab es dort eine Vergewaltigung. Schülerin. Die Täter haben Masken getragen. Der Fall wurde nie endgültig geklärt.« Im Stakkato klärte Edwards über das vermeintliche Motiv auf.
»Wir waren alle auf der gleichen Polizeischule. Das beweist noch gar nichts. Meine Männer sind keine Vergewaltiger.«, sagte Nick.
»Alle sind verdächtig. Sie auch. Wir haben mit der Überprüfung bereits begonnen. Zwei unserer Kollegen sind unterwegs, um alle in Frage kommenden Polizisten zu kontrollieren. Und wir erwarten erste Ergebnisse, denn einer unserer Kollegen ist gerade eben eingetroffen.« Er grinste höhnisch und nickte zum Parkplatz hin.
Nick konnte außer ein paar neugierigen Passanten, den Polizeiwagen und seinem Gefährt nichts erkennen. Rumpeln und lautes Klopfen war zu hören. Paul und Jule blickten sich fragend um, Nick griff in seine Manteltasche. Er warf Edwards den Autoschlüssel zu.
»Ihr könnt ihn wieder haben.« Dann drehte er ihnen den Rücken zu und beschäftigte sich wieder mit der Leiche.
»Irgendjemand muss es seiner Frau sagen.« Paul war jetzt direkt an seiner Seite.
»Ich kann nicht mehr.«, entgegnete Nick.
Paul legte die Hand auf Nicks Rücken. »Ich werde es tun. Wir haben sie zu uns aufs Revier bestellt. Aber bitte komm mit.«
So weit kam es nicht. Nick wurde von zwei Männern hochgezogen, Handschellen klickten. Er drehte sich um und blickte in das geschundene Gesicht seines ungebetenen Besuchers. Die Bundesbeamten sahen ihn hasserfüllt an.
»Sie kommen mit. Wir werden aus Ihnen herauspressen, was sie mit diesen Fällen zu tun haben.«, schrie ihn Edwards an.
»Rein gar nichts«, sagte Nick ruhig. Sein Gegenüber schlug kurz und hart in seinen Magen. Nick zog reflexartig das Bein hoch und trat zu und Edwards ging zu Boden. Zwei harte Schläge auf Nicks Schädel verhinderten eine weitere Gegenwehr, dann wurde er vom Tatort weggezerrt…
Nick saß, angekettet an einen Stuhl, im großen Aufenthaltsraum des Polizeireviers. Die Bundesbeamten hatten sich zurückgezogen und schienen über der Verhörtaktik zu brüten. Sie hatten Nicks Dienstakte angefordert und redeten sich in einem der Nebenzimmer die Köpfe heiß. Jule ging an seinem Stuhl vorbei und steckte ihm einen Zettel zu. Nick faltete das Papier auf, las den Inhalt schob den Zettel in seine Hosentasche.
Kurz darauf führte Paul eine Frau in den Aufenthaltsraum, entschuldigte sich, und bat darum, dass sie sich noch einen Moment gedulden müsse. Er blickte nur kurz zu Nick. Nick konnte aus seinem Blick nichts herauslesen. Dachte Paul, er wäre schuldig?
»Was haben sie ausgefressen?«, fragte die junge Frau freundlich.
»Ich habe sechs Polizisten umgebracht. Denken die hier.«
Die junge Frau lächelte ihn an.
»Muss ich vor Ihnen Angst haben?«
Nick klapperte mit den Handschellen, die ihn an dem Stuhl festbanden. »Ich denke nicht.«
»Mein Mann war das letzte Opfer.«, sagte sie bestimmt, und mit einer Spur Sicherheit in der Stimme, die Trauer überdecken sollte. Nick blickte abschätzend zu der Frau hinüber. Sie hatte keine Miene verzogen.
»War das schwer für Sie?«, fragte er.
»Ich habe es noch nicht realisiert.«
»Ich meine nicht den Mord an Ihrem Mann.«, Nick sprach betont langsam.
Sie blickte ihn fragend an.
Edwards und Reed kamen auf ihn zu und lösten die Handschellen. Nick stand auf, rieb sich die Handgelenke und lächelte der Frau freundlich zu. Die beiden Beamten zerrten an seinem Mantel. Nick blickte auf die junge Frau. Er genoss den Augenblick. Dann wandte er sich ab und ging den Gang hinunter.
»Was meinen Sie?«, rief sie ihm hinterher.
Er drehte sich um. »Wie war es, mit dem eigenen Vergewaltiger verheiratet gewesen zu sein?«. Nick ging er unbeirrt zu seinem Verhör. Er nickte Paul und Jule zu, und wusste, dass ihm die arroganten Säcke der Bundespolizei nichts anhaben konnten.
(1) Aus: Der Malteser Falke, Dashiell Hammett