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Mai
12
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Das ist einer meiner persönlichen Lieblinge. Aufgrund der Verlagerung der Handlung nach Japan entspann sich allerdings eine heiße Diskussion darüber, ob mal als Europäer über Japan schreiben darf (darf man – siehe auch Akunin) – und ob die wissenschaftliche Beschäftigung (ich studierte unter anderem auch Japanologie) in literarische Stücke einfließen darf.
“Plötzlich vernahm er ein plumpsendes Geräusch hinter sich. Er wirbelte erschrocken herum. Dann stieß er einen Seufzer der Erleichterung aus; es war nur ein großer grüner Frosch. Er war aus dem Teich auf die Marmorstufe des Pavillons gesprungen. Nun saß er da und sah ihn feierlich mit seinen vorstehenden, blinkenden Augen an. “Du kannst nicht sprechen, Bastard!” bemerkte der Mann höhnisch. “Aber ich will doppelt sichergehen!” Indem er dies sagte, versetzte er dem Frosch einen heftigen Tritt, der ihn gegen das Tischbein schleuderte. Die langen Hinterbeine des Tieres zuckten, dann lag es still. “Geh zu deinen Kameraden!” sagte er verächtlich und stieß ihn ins Wasser. Mit einem Plumps fiel er zwischen die Lotospflanzen. Auf einmal zerriß das Quaken von Hunderten erschreckter Frösche die Stille die Nacht.”(1)
Makoto presste die Hände auf seine Ohren. Er sank in die Knie, prallte unsanft auf die Marmorstufen und blieb sitzen. Seine Frau fand ihn eine Stunde später in der gleichen Position.
»Was machst du hier?«, fragte sie, nachdem er die Arme sinken ließ.
Makoto blieb stumm und wich ihrem Blick aus. Ihr Kleid raschelte leise neben seinem Ohr.
»Sie wollte es so. Es war unsere gemeinsame Entscheidung.«, sagte seine Frau.
Makoto stand auf. Das Quaken der Frösche dröhnte in seinen Ohren.
»Hörst du das?«, fragte er.
»Was?«
»Die Frösche.«
»Ich höre nichts. Komm mit.«
Er folgte seiner Frau, die um das Hauptgebäude des Shinto-Schreins herum ging, in den sie vor eine Stunde eine Opfergabe gebracht hatten. Der Garten blühte, trotz der Trockenheit, der Rasen war grün und saftig, weiße Kamelien standen in geordneten Linien entlang der Wege. Zwei junge Miko huschten kichernd, mit Gartenwerkzeugen in ihren Händen, über den sauber gerechten Kies.
Megumi winkte ihm, er trottete hinterher – geschockt über sein Verhalten. Erstaunt, zu welcher Art Mensch er sich entwickelt hatte. Ihre kleine Tochter Akemi war bei Nachbarn geblieben. Sie hätte nicht verstanden, warum ihr Vater zu Tieren, gegenüber denen er ihr Achtung und Würde zu vermitteln versuchte, so brutal war.
Sie erreichten ihre kleine Hütte, und Makoto eilte hinein, um in seine Arbeitskleidung zu schlüpfen. Er sog den Geruch nach Schweiß und feuchter Erde ein, den seine alte Jacke verströmte, als ob es sich um Kirschblüten handeln würde. Megumi führte der erste Weg zum Hausschrein, wo sie eine Schale mit neuem Reis befüllte und zwei Stäbchen hinein steckte. Makoto beobachtete sie stumm. Sie bestand darauf, Traditionen einzuhalten, auch wenn es schwer fiel, den Reis stehen zu lassen, und nicht zu essen. Er bewunderte sie und seine Tochter Akemi. Sie blieben vergnügt, obwohl das wenige Essen, das er täglich nach Hause brachte, immer eintöniger wurde.
Am nächsten Morgen stand Makoto vor Sonnenaufgang vor seiner Hütte. Er starrte in Richtung des Ubasute-Yama. Die Vögel, die vor einigen Minuten ein leises und sanftes Lied gesungen hatten, begannen laut und schrill zu trillern. Eine Schar Spatzen saß in den Bäumen und verhöhnte ihn. Makoto warf seinen Stab weg und ging in die Hocke. Er presste sich die Hände auf die Ohren, eine Träne löste sich aus seinem rechten Auge und floss langsam die Wange entlang. Wieder war es Megumi, die ihn aus der unbequemen Haltung befreite.
»Hörst du die Vögel? Sie verletzen meine Ohren!«, er schrie sie an. Megumi blieb ruhig.
»Ich höre nur ein leises Zwitschern. Du bist traurig. Es ist das Herz, das laut schreit. Wenn wir es nicht hören wollen, hören wir stattdessen etwas anderes. Höre auf dein Herz.«
…Er hatte eben nicht auf sein Herz gehört. Er hatte auf Sakura und Megumi gehört. Er spürte noch immer, wie seine Mutter auf seinem Rücken saß, wie sie ihn antrieb, immer weiter den Berg hinauf. Es brannte in seinen Lungen, die Seiten schmerzten von den Tritten seiner Mutter, die sofort anfing ihn zu kneifen und zu treten wenn er einen Moment stehen blieb…
Makoto sah seine Frau an, sie hatte ihn fest im Blick. Er spürte das Strahlen ihrer klaren Augen weit hinten in seinem Kopf. Es fühlte sich an, als könne sie in seine Erinnerung blicken. Wenn sie es könnte, würde sie nicht mehr versuchen, ihn zu trösten. Sie würde auch hier sitzen und die Vögel hören.
Er blickte den staubigen Weg hinunter. Ein Mann kam den Weg hinauf, dort, wo zwei Rotkiefern mit ihren Ästen ein natürliches Tor bildeten. Er hatte einen schwarzen Holzstab in der Hand, war einfach gekleidet. Makoto sah, wie er in jede Hütte des Dorfes ging, und sich dabei immer weiter in ihre Richtung vorarbeitete. Sein Gesicht war wettergegerbt, er hatte graue Augenbrauen, einen strähniger Bart, so viel konnte er erkennen, als der Mann bei seinem Nachbarn in die Hütte ging. Ein Beamter des Daimyo. Es dauerte einen Moment, dann stand der Mann vor seiner Tür.
»Makoto Machida?«, fragte er.
Makoto verbeugte sich tief, der alte Mann deutete nur eine kurze Verbeugung an. Makoto wagte nicht, nach oben zu blicken, auch seine Frau hatte sich tief verbeugt und keuchte.
»Takeo Hideyoshi. Du kannst dich aufrichten.« Er lächelte Makoto an, der sah, dass der alte Mann seiner Tochter Akemi, die neben ihm stand, über das Haar strich.
»Dürfen wir Sie hereinbitten?«, fragte Makoto.
Takeo Hideyoshi nickte kurz, und stellte seinen Stab an der Außenwand der Hütte ab. Er verbeugte sich kurz vor dem Hausschrein, dann wandte er sich den Gastgebern zu.
»Ich zähle. Drei. Wo ist der Rest?«, fragte Takeo Hideyoshi.
»Es gibt keinen Rest. Wir sind zu dritt.«, sagte Makoto.
Takeo Hideyoshi nestelte umständlich ein Dokument aus dem Ärmel, schnürte es auf und entrollte das Papier.
»Fünf. Sakura, Yutaka, Makoto, Megumi und Akemi Machida.«
»Yutaka ist vor zwei Jahren verstorben. Sakura erst kürzlich.«, sagte Megumi.
Der Beamte schaute sich in der Hütte um und nickte erkennend, als er die Zeichen der Trauer sah.
»Dann ist es kein Problem, mir die entsprechenden Dokumente vorzuweisen.«
»Wenn Sie sich einen Moment gedulden.« Megumi verschwand hinter einer dünnen Trennwand, man hörte sie wühlen. Schnell hatte sie gefunden, wonach sie suchte und überreichte dem Beamten mit einer Verbeugung ein dunkles Stück Papier. Er studierte es kurz, kratzte mit dem Daumennagel über sein eigenes Dokument und nickte.
»Mir fehlt noch die Urkunde für Sakura.«
»Die haben wir nicht.« Megumi antwortete, ihr Mann starrte durch den Beamten hindurch und rührte sich nicht.
»Ich komme morgen wieder, dann könnt ihr mir die Urkunde geben.«
Er erhob sich und verließ die Hütte ohne einen weiteren Gruß. Draußen nahm er seinen Stab, strich der umher springenden Akemi noch einmal durch die Haare und setzte seinen Weg durch die Hütten fort.
Makoto schwieg. Er nahm entfernt wahr, dass seine Frau mit ihm redete. Sie beschuldigte ihn, die Zukunft der Tochter aufs Spiel zu setzen. Wenn er die Urkunde nicht besorgte, müssten sie eine hohe Strafe zahlen. Der Daimyo kannte keine Gnade, wenn seine Untertanen versuchten, die ihm zustehende Steuer dadurch zu umgehen, dass sie sich versteckten, Kinder nicht angaben oder gar ihre alten Verwandten während der Volkszählung in die Berge schickten. Wer keine Mittel hatte, um die Beamten zu bestechen, musste korrekte Angaben machen.
…Daran hatte er nicht gedacht, als er den Berg hinab rannte. Schneller, immer schneller, bis er die Kontrolle über seine Beine verlor. Er landete unsanft in einem Reisfeld – und musste seiner Frau erklären, warum sein Gewand schon wieder einen Riss hatte…
Takeo Hideyoshi tauchte am nächsten Tag nicht auf. Auch in der nächsten Woche ließ er sich nicht blicken. Makoto hatte mit dem Guji des Dorfschreins wegen einer Urkunde gesprochen, doch nur einen strengen Blick geerntet. Obwohl er nicht gegen Traditionen gehandelt hatte, spürte Makoto zum ersten Mal, wie es war, wenn die Dorfgemeinschaft nicht hinter ihm stand. Bisher war die Gemeinschaft für ihn ein unverzichtbarer Rückhalt. In harten Jahren bekam er von Nachbarn Reis vor die Tür gestellt. Er bestand darauf, es zurückzugeben, doch niemand wollte etwas davon hören. Die schlechte Stimmung reizte ihn. Er ertappte sich dabei, wie er den Hund seines Nachbarn unsanft mit einem Stock verscheuchte.
Eine Woche nach dem ersten Besuch tauchte Takeo Hideyoshi wieder auf. Er hielt ein gutes Stück entfernt, schob den Hut zurück und blickte zu Makotos Hütte hinauf. Makoto stand mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf auf dem Weg, unfähig, sich zu rühren. Der Beamte zog den Hut wieder ins Gesicht und kehrte Makoto den Rücken zu. Dann verschwand er.
Das Schauspiel wiederholte sich jede Woche. Makoto konnte sich nicht rühren, Takeo Hideyoshi blickte ihn nur stumm an und drehte wieder um, ohne ihm näher zu kommen oder die Forderung, die er bei seinem ersten Besuch gestellt hatte, zu wiederholen.
…Makoto sah jede Woche in die Augen seiner Mutter. Wie sie ihm vergnügt winkte. Einen letzten Kuss auf seine Stirn drückte und dann mit der Hand auf den Boden griff um ihn mit Steinen, Erdklumpen und kleinen Stöcken zu bewerfen. Er sah sich den Berg hinunter rennen, weiter, immer weiter weg von seiner alten Mutter…
Sechs Wochen nachdem der Beamte zum ersten Mal im Dorf war, arbeitete Makoto am Abend vor seiner Hütte. Er spürte, dass es nur noch wenige Augenblicke dauern würde, bis Takeo Hideyoshi wieder auftauchen würde. Es tröpfelte, dann begann es stärker zu regnen. Makoto reckte sich, betrachtete seine Arme, auf denen sich der Staub langsam in eine schmierige Dreckschicht verwandelte, die vom immer stärker werdenden Regen von seinen Armen gewaschen wurde, bis nur noch ein dunkler Rand an den Händen übrig blieb. Die Regenzeit setzte ein – früher als in den letzten Jahren. Trotzdem hatte er seine Arbeit pünktlich beendet – sie würden eine Ernte erzielen, die reichte, um durch den Winter zu kommen und etwas von dem zurückzugeben, was ihm die Nachbarn in den letzten Jahren gegeben hatten.
Er ging Takeo Hideyoshi entgegen, der ihm unter seinem Hut entgegenblickte.
»Es tut mir leid. Wir haben keine Urkunde.«, sagte Makoto.
»Ubasute?«, fragte Hideyoshi nur.
Makoto nickte stumm.
»Das Aussetzen der alten Menschen ist verboten. Schon lange. Das ist dir bekannt, oder?«
Makoto nickte wieder. Seine Mutter und seine Frau hatten ihn dazu überredet. Das Essen war knapp – die junge Akemi sollte geschützt werden. Er hatte seine Mutter auf den Berg getragen, damit sie dort, fernab der Familie sterben würde, so wie es früher in seinem Dorf der Brauch war. Seine Mutter verhungerte. Für seine kleine Tochter.
Er spürte den trockenen, harten Griff des Beamten an seinem Arm. Makoto war erstaunt, die Kraft hätte er dem Alten nicht zugetraut. Er blickte zurück zu seiner Hütte. Megumi stand vor der Tür, Akemi tanzte in den Pfützen, die sich vom Regen bildeten. Dann wurde er vom Beamten in die andere Richtung gezogen und folgte ihm, den Weg hinunter und aus dem Dorf hinaus.
(1) Aus: Richter Di bei der Arbeit – Robert van Gulik