Der erste Krimi nachdem ich den Wettbewerb im Juli gewonnen hatte. Dementsprechend hart fielen die Kommentare aus.
“Das Ledergeschäft bestand aus zwei Abteilungen. Die eine war für Jugendliche und eher durchschnittliche Steuerzahler, mit Sonderangeboten bis knapp unter einem Tausender. Die andere war äußerst exklusiv und lag buchstäblich eine Ebene über dem Rest des Ladens. Der charakteristische Geruch von Haut und Leder wurde mit jedem Schritt, den ich weiter in den Laden tat, stärker. Als ich die vier Stufen zur Oberklasse hinaufstieg, fiel mir ein anderer, unbestimmter Geruch auf…”(1)
Ich atmete tief aus, konnte den Geruch aber immer noch auf dem Gaumen schmecken. Bevor ich ihn bestimmt hatte, schob sich ein anderer, angenehmer Geruch in meine Nase. Mandel mit einer kleinen Note Zitrone. Das musste sie sein.
»Herr Vyneken! Schön, dass Sie uns treu bleiben. Wenn Sie erlauben?«
Elen Jacobi nahm, wie so oft, wenn ich hier einkaufen ging, meine Hand und führte mich durch den Laden.
»Hier haben wir umgebaut. Vorsicht.« Sie bugsierte mich um Hindernisse herum. »Ich denke hier sind wir richtig, wenn sich ihr Geschmack nicht geändert hat.«
Ich hörte, wie sie Schutzpapier entfernte. Dann drückte sie mir eine Tasche in die Hand. Sie fühlte sich kalt an. Ein filigranes Muster war in das Leder eingearbeitet. Blumen.
»Wir hätten diese Tasche in schwarz oder braun.«, sagte sie.
»Ich hätte gerne noch eine andere Tasche. Nicht so kalt.«, meinte ich.
Nach jahrelanger Übung wusste Elen Jacobi, dass ich eine rauere Tasche haben wollte. Sie blieb einige Minuten weg, dann drückte sie mir eine zweite in die Hand. Ich genoss den herben Geruch, der von der Tasche aufstieg und befühlte sie genauer. Sie war weich, fühlte sich gut an, doch sie war schlampig verarbeitet. Die Nähte dehnten sich zu leicht, als ich mit dem Finger prüfend durch die Tasche fuhr.
»Sie wissen, dass ich Qualität haben will.«, sagte ich verärgert.
»Sie merken alles.«, ich konnte sie lächeln hören.
Sie gab mir sofort eine Tasche mit fast gleichem Schnitt, aber besserer Qualität. Es war ein Spiel. Jedes Mal, wenn ich hier war, gab sie mir eine Tasche aus der unteren Abteilung. Als ob ich nicht merken würde, wann es sich bei einer Ledertasche um Qualitätsarbeit handelte. Auch wenn ich auf meine Augen verzichten musste, die anderen Sinne funktionierten hervorragend. Ich nickte zufrieden. Zum Mandel- und Zitronengeruch von Elen Jacobi mischte sich wieder der andere Geruch. Es roch herb. Nach heißen Eisenspänen. Nach Handwerker.
»Bauen Sie hier etwas um?«, fragte ich.
»Nein. Hat sie etwas verwirrt?«, fragte sie zurück.
»Wer ist außer uns noch hier?«
»Ich sehe noch zwei weitere Kunden. Eine Frau, die ich nicht kenne – sie ist alternativ gekleidet. Und ein mir unbekannter Mann. Sehr elegant angezogen, wenn auch etwas übertrieben. Er trägt Manschettenknöpfe.«
»Wie groß ist er?«, fragte ich.
»Ungefähr so groß wie Sie.«
»Ich denke, ich nehme diese Tasche hier.« Ich lächelte sie an, mit einem Lächeln, von dem ich wusste, dass ihm keine Frau widerstehen konnte.
Ich verließ den Laden eine halbe Stunde später. Wind zerrte an meinem Mantel, die Kälte zog mir die Nase zusammen. Ich spürte, wie sich kleine Härchen in meiner Nase verklebten. Ich wusste, wohin ich meine Schritte nun lenken würde, nach zwanzig Jahren in dieser Stadt waren meine Wege streng ritualisiert. Erst einen Tee, dann ein Eis. Die Menschen waren fröhlich, es war noch zu früh im Dezember, um den Weihnachtsstress auch in ihren Stimmen zu hören. Aus jedem Geschäft drangen Weihnachtsmelodien, vor den Geschäften grölten die unvermeidlichen Straßenmusikanten. Ein kratzendes Klappern begleitete meinen Weg, wurde leiser, wenn ich innehielt und hastiger, wenn ich mein Tempo beschleunigte.
Ich hielt an einer Ampel und rempelte unsanft gegen eine Frau. Sie gab ein erschrockenes Japsen von sich, atmete aber ruhiger, als sie mich wahrnahm. Ich lächelte sie an, legte beruhigend meine Hand auf ihren Arm und atmete ihren Duft tief ein. Sie roch jung. Jemand stand dicht hinter mir und atmete in meinen Nacken.
»Es tut mir leid – in dieser Menschenmenge kann ich mich nicht immer konzentrieren.«, sagte ich, verwirrt durch die unterschiedlichen Sinneseindrücke. Ich drehte mich um, der Atmer war verschwunden.
»Kein Problem. Soll ich Sie noch über die Straße begleiten?«
Ihre Stimme war dunkler, als ich es vermutet hätte, sie klang samtig. Ein Schauer lief über meinen Rücken. Dann senkte ich meine Stimme.
»Vielleicht könnten Sie mir helfen. Ich habe das Gefühl, dass mir jemand folgt. Vielleicht ein Freund, der mich erschrecken will. Sehen Sie jemanden?«
Sie lächelte, ich hörte ein leises Knistern. Sie hatte sich ihre Haare hinter das Ohr geschoben.
»Das kann ich hier leider gar nicht sehen. Ich schlage vor, wir biegen bei der nächsten Gelegenheit in eine kleine Seitengasse ab. Dann kann ich feststellen, wer uns folgt. Ich weiß auch schon, wo wir abbiegen könnten.«, sie sprach leise.
Das rhythmische Ticken der Ampel beschleunigte sich und sie zupfte an meinem Ärmel. Nach kurzer Zeit bogen wir nach rechts ab. Sie ging ein paar Schritte, dann hielt sie an.
Ich konnte hören, wie sie sich umsah, ihre Jacke raschelte.
»Es sind uns mehrere Menschen gefolgt. Weiter vorne steht eine junge Frau, die in ein Schaufenster blickt. Sie wirkt aber nicht so, als ob sie sich dafür interessiert.«, sagte sie.
»Was hat sie an?«,
»Eine bunte Mischung. Lamafelljacke. Palästinensertuch.«
»Noch jemand?«, fragte ich.
»Zwei junge Männer, aber die sind vorbei. Sahen aus wie Studenten.«
»Wenn sie mich jetzt noch in die Neuhauserstraße bringen könnten. Ab dort finde ich alleine weiter.«
Ich hätte auch von hier aus laufen können, aber ich wollte ihre Nähe noch einen Moment genießen. Sie hatte sich bei mir untergehakt, und bei jedem zweiten Schritt konnte ich ihre Brust an meinem rechten Arm spüren. Sie hielt an.
»Darf ich Sie noch auf eine Tasse Kaffee einladen?«, fragte ich. Meine Visitenkarte hatte ich ihr bereits in die Jackentasche geschoben.
»Ich würde gern. Aber leider fehlt mir die Zeit.«.
Sie drückte kurz meinen Arm und verschwand. Ich musste meinen Weg alleine weiter gehen. Nach wenigen Metern tauchte das leise Klappern wieder auf.
…Mir hatte das fehlende Augenlicht nie Probleme gemacht, meine Eltern unterstützten mich und finanzierten meine Ausbildung. Ich wollte Medizin studieren und musste mich mit Geschichte der Medizin zufrieden geben. Nach dem Ende meines Studiums lebte ich von meinem Erbe und dem Einkommen als Dozent an der Universität. Seit vor 18 Jahren meine Frau bei einer Wanderung tödlich verunglückte, kannte mein Leben nur noch zwei Konstanten. Die Arbeit. Und die Frauen. Doch jedes Jahr, spätestens zum Todestag meiner Frau, löste ich die Beziehungen wieder auf. Ihren Platz konnte keine einnehmen…
Als ich durch die gläserne Tür das Café betrat, stieß ich mit einem Mann zusammen. Es roch wie im Ledergeschäft. Ich streckte meine Hand aus. Niemand. Ich wurde wie immer freundlich begrüßt und bekam ohne weitere Bestellung meinen Tee. Ich bestellte bei Maren meinen Eisbecher. Schokoladeneis, Zitrone, das beste Marzipaneis der Stadt, Kirschlikör und ein guter Schuss Amaretto. Darüber Krokantstreusel. Es dauerte einen Moment, bis ich mein Eis bekam, doch dann stellte mir jemand den Eisbecher vor die Nase. Er setzte sich zu mir an den Tisch. Der Geruch nach Eisenspänen war sofort wieder da.
»Du änderst deine Gewohnheiten nicht, oder?«
Da hatte er Recht. Nach jedem Einkauf kam ich hier her. Ich hatte es auch schon in anderen Cafés probiert, doch dort gab es im Winter kein Eis. Ich griff über den Tisch, befühlte seinen Arm. Er steckte in einem Hemd – mit Manschettenknöpfen.
»Ist es nicht etwas einfallslos, den Frauen, die mit dir zusammen sind, jedes Jahr eine Tasche zu schenken?«, fragte er, und zog seinen Arm zurück.
»Warum nicht? Ich bin mit keiner Frau länger als ein Jahr zusammen. Wo soll da das Problem sein?«, antwortete ich.
Ich kramte Tabletten aus meiner Sakko-Tasche, schüttelte zwei davon in meine Hand und warf sie ein. Dann griff ich nach dem Glas, dass Maren stets neben den Eisbecher stellte und spülte die Tabletten mit einem Schluck lauwarmem Wasser hinunter. Ich spürte kurz, wie sie an meinen Gaumen stießen, dann konnte ich meine Gedanken wieder auf mein Gegenüber richten. Es war der Bruder meiner ehemaligen Freundin Ines. Ich hatte kaum mit ihm zu tun, solange ich mit ihr zusammen war. Ich griff nach dem Eislöffel, ließ ihn um meine gestreckten Finger kreisen und lehnte mich zurück.
»Und? Was soll das werden?«, fragte ich ihn.
»Dein Eis schmilzt.«
Ich beugte mich leicht vor und sog den Geruch meines Eises ein. Es roch gut – man konnte den Krokant ausmachen, eine leichte Kirschnote und einen deutlichen Geruch nach Mandeln. Ich lehnte mich wieder zurück.
»Was willst du von mir? Mit Ines habe ich schon lange nichts mehr zu tun.«
»Ich weiß. Sie sitzt schon seit 3 Jahren im Gefängnis.«
»Zu Recht. Sie hat versucht, mich umzubringen, nachdem ich mich von ihr getrennt habe.«
»Du hast ihr Leben zerstört!«, er blaffte mich an.
»Ich bin vollkommen unschuldig.« Ich sah die Sache damit als erledigt an und begann mit meinem Eis. Der Löffel stieß auf sanften Widerstand, geschickt löste ich ein angemessenes Stück Eis heraus, tunkte es in das Likör-Gemisch und schob es mir in dem Mund.
»Es ist noch nicht beendet.«, sagte er.
Wir schwiegen uns wieder an. Währenddessen arbeitete ich mich im Eisbecher nach unten. Erst als ich den Rest ausgekratzt hatte, hörte ich ihn wieder atmen.
»Es ist geschafft. Du wirst dafür bezahlen, was du meiner Schwester angetan hast. Merkst du etwas?«, fragte er.
Ich wusste nicht, was er meinte. Außer leichten Kopfschmerzen und einem Kratzen im Hals konnte ich nichts feststellen. Ich blieb eine Weile schweigend sitzen.
»Tut mir leid. Mir geht es wunderbar. Wenn ich jetzt gehen dürfte?«
»Bitte?«
Ich konnte seine Verzweiflung hören. Ich hatte mich auf den Weg zu Maren gemacht, der Auftritt dieses Manns war mir nicht geheuer. Auf den Treppenstufen, die nach unten führten, hielt er mich an.
»Du solltest röcheln. Rasende Kopfschmerzen haben. Zusammensinken. Auf dem Eis war Gift.«
»Blausäure?«, fragte ich. Warum hatte er das gleiche Gift gewählt? »Da muss ich dich leider enttäuschen. Seit dem Zusammenstoß mit deiner Schwester sorge ich vor. Und schlucke bei Bedarf hoch dosiertes Vitamin B12.« Ich zückte mein Telefon. »Ich werde die Polizei anrufen. Ich kann dich nicht daran hindern, dass du verschwindest. Aber ich schätze, dass du nicht schnell genug bist. Grüße deine Schwester von mir.«
(1) – Die Quelle dieses Krimianfangs muss ich momentan noch schuldig bleiben – habe mich noch nicht durch alle Krimis gelesen.