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	<title>Kernbeißer &#187; SZ-Krimi</title>
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		<title>Krimi Nr. 6 &#8211; Falscher Verdacht</title>
		<link>http://www.knutfinke.de/literatur/krimi-nr-6-falscher-verdacht/</link>
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		<pubDate>Mon, 26 May 2008 15:01:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>knutfinke</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krimi]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[SZ-Krimi]]></category>

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		<description><![CDATA[Nach den strengen Kritiken hatte ich im letzten Monat, in dem ich etwas zum Krimi-Wettbewerb der Süddeutschen Zeitung beitrug, einen anderen Namen gewählt. Herausgekommen ist diese Geschichte, die gleichzeitig eine der kleinen Vorgeschichten zu dem von mir  verfassten, aber noch nicht bei einem Verlag untergebrachten Kriminalroman darstellt. So, und nachdem ich jetzt so lange auf [...]]]></description>
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<p>Nach den strengen Kritiken hatte ich im letzten Monat, in dem ich etwas zum Krimi-Wettbewerb der Süddeutschen Zeitung beitrug, einen anderen Namen gewählt. Herausgekommen ist diese Geschichte, die gleichzeitig eine der kleinen Vorgeschichten zu dem von mir  verfassten, aber noch nicht bei einem Verlag untergebrachten Kriminalroman darstellt. So, und nachdem ich jetzt so lange auf die Folter gespannt habe &#8211; der Siegerkrimi kommt natürlich zuletzt&#8230;</p>
<p><span id="more-118"></span></p>
<p><em>„Niemand sagte etwas, ab jetzt war es unmöglich, etwas zu sagen, wir hätten gehört werden können. Im Stall war es noch wärmer als draußen. Er war niedrig, ziemlich groß, weiß gekalkt und leer bis auf ein Gestell, so ähnlich wie das, was in der Schule zum Bockspringen benutzt wird. An den Wänden waren ein paar Ringe eingemauert, vielleicht hatten da früher Pferde gestanden. Es brannte das rötliche Licht, das für die Ferkelaufzucht gebraucht wird. In diesem Stall kam er mir plötzlich größer vor, auch seine Stimme klang anders, als er uns sagte, dass wir uns ganz ruhig verhalten sollten.&#8221;</em>(1)</p>
<p>Wir hatten eine Taschenlampe mitgenommen, deren Schein ich mit meiner Hand abzudecken versuchte. Etwas raschelte hinter uns, Emma duckte sich hinter mich. Etwas quietschte unerwartet laut, sie schrie auf und rannte panisch durch den Stall, in Richtung des Tors, durch das wir gekommen waren. Es wurde hell, gleißend hell. Der Strahl meiner Taschenlampe verlor sich in dem Licht, Jens lief auf das Gestell zu, ich bildete mir ein, zwei kleine Blutflecke zu sehen. Oder war es das Licht, dass mir einen Streich spielte und Flecken vor meinen Augen tanzen ließ? Ich versuchte eine Tür, die ich weiter hinten im Stall gesehen hatte, zu erreichen. Etwas traf meinen Kopf, von vorn. Dann wurde es dunkel.</p>
<p>»Geht es Ihnen gut?« Eine angenehme Stimme durchdrang meine Kopfschmerzen. Ich öffnete die Augen. Zwei Männer blickten mich besorgt an. Ich blinzelte. Setzte mich auf und rieb mir die Stirn. Ich spürte einen stechenden Schmerz. Zwei weitere Männer standen bei dem Gestell, das von oben bis unten mit Blut bespritzt war. Mir wurde übel, ich blickte an mir herunter. Ein Blutfleck war auch auf meinem Oberteil.<br />
»Sie sind gegen diesen Balken gerannt.«, die Stimme unterbrach meine Gedanken. Ich blickte wieder nach oben, sah in ein freundliches Gesicht das zu einem dunkelhaarigen Mann in dunklem Mantel und hellem Hemd gehörte. Er streckte mir eine Hand entgegen.<br />
»Können Sie aufstehen?«. Ich nickte, ließ mich von ihm hoch ziehen. Er war ein gutes Stück größer als ich.<br />
»Kriminalkommissar Tilo von Rabenau.«, stellte er sich vor.<br />
»Wo ist Jens?«, fragte ich. Der Kommissar trat zur Seite, der Blick zu dem Gestell war mir verstellt. Dafür blickte ich auf den Balken, den er vorhin erwähnt hatte. Auf Höhe meiner Stirn war ein kleiner Fleck zu sehen.<br />
»Helge Roos, unser Arzt, wird sich kurz um Sie kümmern. Danach würde ich Sie bitten, mir noch ein paar Fragen zu beantworten.«, er nickte mir zu. Ich blickte mich um. Überall wimmelte es von Polizisten. Ohne Widerstand ließ ich mich von dem Arzt zu einem Hocker führen. Er tastete vorsichtig meine Stirn ab, leuchtete mit einer kleinen Taschenlampe in meine Augen.<br />
»Wie fühlen Sie sich?«<br />
»Mir geht es gut. Wo sind Jens und Emma?«, fragte ich.<br />
»Wir bringen Sie ins Krankenhaus.«, antwortete er nur.<br />
Tilo von Rabenau packte mich sanft am Ärmel und zog mich aus der Scheune. Mehrere Polizeiwagen, ein paar Zivilautos und zwei Krankenwagen zerstörten das Bild der ruhigen Dorfstraße, das ich vor meinem geistigen Auge gehabt hatte. Der Kommissar lotste mich zu einem der Krankenwagen.<br />
»Ich werde Sie begleiten.«<br />
Ich drehte mich um. In einen Wagen mit verdunkelten Scheiben wurde ein silberner Sarg geschoben.<br />
Tilo von Rabenau stand hinter mir und fing mich auf, half mir in den Krankenwagen und schob mich sanft auf die Liege. Auf ein Zeichen von ihm setzte sich der Wagen in Bewegung.<br />
»Ist es Jens?«, fragte ich, meine Stimme zitterte.<br />
Er nickte und reichte mir einen Geldbeutel. Meinen Geldbeutel. Ich steckte ihn ein, verwirrt durch die unterschiedlichen Gefühle, die über mich hineinbrachen. Trauer, Furcht, das Gefühl, jemand habe meine Privatsphäre verletzt. Das Interesse an dem ruhigen, dunkelhaarigen Kommissar.<br />
»Sie sind Katrin Laux, 24 Jahre, Studentin?«<br />
Ich nickte. »Katrin reicht.«<br />
»Können Sie mir etwas über gestern Nacht erzählen? Was wollten Sie in der Scheune?«<br />
»Wo ist Emma?«<br />
»Wer ist Emma?«, fragte er erstaunt.<br />
»Wir waren zu dritt. Jens, Emma und ich. Ihre Eltern haben einen Hof hier im Dorf. Sie hat mitbekommen, dass in der alten Scheune nachts ab und zu Licht brennt. Die Scheune steht aber schon seit Jahren leer. Sie hat vermutet, dass hier heimlich Kühe geschlachtet werden, um eine BSE-Erkrankung zu verschleiern. Die Scheune war aber, sieht man von dem Gestell ab, das fest im Boden verschraubt war, vollkommen leer. Auf dem Gestell waren kleine Bluttropfen, denke ich.«<br />
»Was ist passiert?«<br />
»Jemand kam durch das Scheunentor. Ich bin weg gerannt. An den Rest kann ich mich nicht mehr erinnern.«<br />
Der Wagen ruckelte etwas, als er über eine Brücke fuhr. Der Kommissar musste sich abstützen und berührte leicht meinen Arm. Entschuldigend hob er die Hand.<br />
»Ihr Freundin, diese Emma. Könnte ihre Familie auch von BSE betroffen gewesen sein?«<br />
»Sie hatten einen prächtigen Zuchtbullen, wie Emma sich immer ausdrückte. Er musste eingeschläfert werden, warum weiß ich nicht mehr. Sie haben nur noch Schweine – und ein paar Hühner.«<br />
Ich sah Tilo von Rabenau zu, wie er im Takt des Kopfsteinpflasters auf seinem Sitz auf und ab wippte, meine Kopfschmerzen steigerten sich. Nach zehn Minuten kamen wir am Krankenhaus an. Als mein Kopf in die Kissen des Krankenhausbettes sank, schoss mir das Bild des blutüberströmten Gestells in den Kopf. Es war Jens’ Blut…</p>
<p>… Tilo von Rabenau staunte über sein Verhalten. Er war mit der jungen Studentin bis zum Krankenhaus gefahren, für Informationen, die er mit mehr Härte früher aus ihr heraus bekommen hätte. Was die junge Frau, über das Gestell gesagt hatte, klang interessant.<br />
Der Autopark vor der Scheune hatte sich etwas gelichtet, als wieder er an der Scheune ankam. Roos war mit der Leiche verschwunden, doch Hannes Peschke kroch noch auf dem Boden herum und scheuchte seinen Assistenten mit einer Lampe rings um das Gestell.<br />
»Es gibt alte Blutspuren«, sagte Tilo von Rabenau.<br />
Peschke schaute kurz auf, und deutete dann auf das Gestell.<br />
»Schon entdeckt. Wir untersuchen das Blut separat. Wo habe ich so ein Ding schon mal gesehen? Im Sportunterricht?«<br />
»Hattet ihr Sportunterricht auf einem Bauernhof? Das hier ist eine künstliche Kuh. Zum Entsamen der Zuchtbullen.«<br />
»Der junge Mann wurde gegen das Gestell gedrängt, dann hat ihm offensichtlich jemand den Schädel eingeschlagen. Er hatte Kampfspuren an den Armen.«<br />
Jemand war in die Scheune marschiert, hatte Jens Busch gegen das Gestell gedrückt, ihm den Schädel eingeschlagen und war wieder verschwunden. Die bewusstlose Katrin Laux ließ er liegen. Wofür sprach das? Tilo war sich nicht sicher.<br />
»Die Tatwaffe haben wir nicht gefunden.«, fuhr Peschke fort. »Ich denke, es war ein Vorschlaghammer, oder etwas Ähnliches. Ein stumpfer Gegenstand. Ich spreche nach der Obduktion mit Roos.«</p>
<p>… Katrin Laux wurde nach einem Tag im Krankenhaus entlassen und hinterließ für Tilo von Rabenau eine Adresse, unter der er sie erreichen konnte. Studentenwohnheim, stellte er fest, als er prüfend auf den Zettel sah, den er in der Hand hin und her drehte. Er war auf dem Weg ins Präsidium, Peschke und Roos hatten ihm die Ergebnisse ihrer Untersuchungen versprochen…</p>
<p>…Tilo war ungeduldig, und wollte Peschke, der in einer riesigen Akte blätterte, die Notizen fast aus der Hand reißen.<br />
»Wir haben die Untersuchung abgeschlossen.«, meinte Peschke. Und wedelte mit zwei Blättern. »Das meiste Blut stammt von Jens Busch, doch die eingetrockneten Flecken sind nicht von ihm. In der Täterdatenbank wurden wir nicht fündig, aber wir haben es geschafft, das Blut eindeutig zuzuordnen.«<br />
»Und?«<br />
»Wir haben ihn.« Er reichte Tilo den Zettel. Tilo runzelte die Stirn, musste dann bitter lächeln und rief ein Einsatzteam…</p>
<p>…Ich hatte mich damit abgefunden, dass mich die Polizei in Ruhe lassen würde, als es an der Tür zu unserer WG klingelte. Vor der Tür stand der Kommissar. Er blickte neugierig in unsere Wohnung, trat ein und wirkte sofort deplatziert.<br />
»Ich war schon lange nicht mehr in einer Studenten-Bude.« sagte er, mit einer Betonung auf dem Wort Bude, die deutlich machte, dass er nicht genau wusste, ob man heute noch Bude sagte. Ich lächelte ihn an.<br />
»Wenn Sie in die Küche kommen wollen, und darüber hinweg sehen, dass der Abwasch noch nicht gemacht ist, kann ich Ihnen Tee anbieten.«<br />
Er folgte mir in die Küche, nicht ohne vorher noch einen vorsichtigen Blick in die offenen Räume zu werfen.<br />
»Haben Emma und Jens auch hier gewohnt?«, fragte er.<br />
»Jens schon. Emma wohnte ein Stockwerk unter uns.«, mir schlug das Herz bis zum Hals. »Wie geht es ihr?«<br />
»Wir haben sie gefunden. Und wir haben auch den Mörder von Jens gefasst.«<br />
Er nahm die Teekanne, zwei Tassen und schenkte uns ein.<br />
»Wer war es?«<br />
»Er heißt Allen«, er setzte sich und drehte die Tasse zwischen seinen Händen hin und her.<br />
Mir war der Name unbekannt. Ich sah den Kommissar an und entdeckte in seinen Augen Verzweiflung. Er wollte mir etwas beibringen, möglichst schonend. Aber irgendetwas an dieser Rücksicht war seltsam. War er amüsiert oder fasziniert? Ich konnte es nicht sagen.<br />
»Ihr Freund ist von einem Bullen getötet worden. Als sich die Tür öffnete, kamen zwei Männer herein, die ihn an der künstlichen Kuh von seinem Samen erleichtern wollten.«<br />
»Warum ausgerechnet in dieser alten Scheune?«<br />
»So ein Zuchtbulle gibt Geräusche von sich, auch wenn er nur eine Plastik-Kuh beglückt. Es sollte heimlich passieren. Allen, ist der Bulle, den der Vater Ihrer Freundin vor einem Jahr angeblich einschläfern ließ. Er kassierte die Versicherungssumme und verkaufte unter der Hand den Samen weiter. Ein gutes Geschäft.«<br />
»Und Jens?«<br />
»Kam bei der Verwirrung, die durch Ihre Anwesenheit herrschte, zwischen die künstliche Kuh und den Bullen. Der Bulle riss sich los und drückte ihn gegen die Kuh. Er hat ihn mit den Hörnern an den Armen verletzt, Jens ging zu Boden, dann kam er dem Bullen vor die Hufe. Jens war sofort tot. Emma hatte erkannt, um welchen Bullen es sich handelte. Ihr Vater hat sie einfach mitgenommen. Soweit wir das beurteilen können, um sie davon zu überzeugen, nichts zu sagen.«<br />
»Hat sie vorher gewusst, dass ihr Vater dort in den Stall kam?«<br />
»Ich denke nicht, sonst hätte sie wahrscheinlich niemanden dort hin geführt.«<br />
Er trank den Tee aus und erhob sich. Hätte ich ihn bitten sollen, noch zu bleiben? Ich hörte, wie die Tür ins Schloss fiel, dann schossen mir Tränen in die Augen. Ich blickte auf den Küchentisch. Auf seiner Tasse stand „Jens“. Daneben lag der Zettel mit meiner Adresse, den ich ihm geschrieben hatte. Ich zog den Zettel an mich. Der Zettel war weich, oft durch seine Hände gegangen. Jetzt stand auch auf der Rückseite etwas.</p>
<p>(1) Aus: Rufmord &#8211; Dick Francis</p>
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		<title>Krimi Nr. 5 &#8211; Mit allen vier Sinnen</title>
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		<pubDate>Sun, 18 May 2008 10:56:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>knutfinke</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krimi]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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		<category><![CDATA[SZ-Krimi]]></category>

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		<description><![CDATA[Der erste Krimi nachdem ich den Wettbewerb im Juli gewonnen hatte. Dementsprechend hart fielen die Kommentare aus. &#8220;Das Ledergeschäft bestand aus zwei Abteilungen. Die eine war für Jugendliche und eher durchschnittliche Steuerzahler, mit Sonderangeboten bis knapp unter einem Tausender. Die andere war äußerst exklusiv und lag buchstäblich eine Ebene über dem Rest des Ladens. Der [...]]]></description>
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<p>Der erste Krimi nachdem ich den Wettbewerb im Juli gewonnen hatte. Dementsprechend hart fielen die Kommentare aus.</p>
<p><em>&#8220;Das Ledergeschäft bestand aus zwei Abteilungen. Die eine war für Jugendliche und eher durchschnittliche Steuerzahler, mit Sonderangeboten bis knapp unter einem Tausender. Die andere war äußerst exklusiv und lag buchstäblich eine Ebene über dem Rest des Ladens. Der charakteristische Geruch von Haut und Leder wurde mit jedem Schritt, den ich weiter in den Laden tat, stärker. Als ich die vier Stufen zur Oberklasse hinaufstieg, fiel mir ein anderer, unbestimmter Geruch auf…&#8221;</em>(1)</p>
<p><span id="more-117"></span></p>
<p>Ich atmete tief aus, konnte den Geruch aber immer noch auf dem Gaumen schmecken. Bevor ich ihn bestimmt hatte, schob sich ein anderer, angenehmer Geruch in meine Nase. Mandel mit einer kleinen Note Zitrone. Das musste sie sein.<br />
»Herr Vyneken! Schön, dass Sie uns treu bleiben. Wenn Sie erlauben?«<br />
Elen Jacobi nahm, wie so oft, wenn ich hier einkaufen ging, meine Hand und führte mich durch den Laden.<br />
»Hier haben wir umgebaut. Vorsicht.« Sie bugsierte mich um Hindernisse herum. »Ich denke hier sind wir richtig, wenn sich ihr Geschmack nicht geändert hat.«<br />
Ich hörte, wie sie Schutzpapier entfernte. Dann drückte sie mir eine Tasche in die Hand. Sie fühlte sich kalt an. Ein filigranes Muster war in das Leder eingearbeitet. Blumen.<br />
»Wir hätten diese Tasche in schwarz oder braun.«, sagte sie.<br />
»Ich hätte gerne noch eine andere Tasche. Nicht so kalt.«, meinte ich.<br />
Nach jahrelanger Übung wusste Elen Jacobi, dass ich eine rauere Tasche haben wollte. Sie blieb einige Minuten weg, dann drückte sie mir eine zweite in die Hand. Ich genoss den herben Geruch, der von der Tasche aufstieg und befühlte sie genauer. Sie war weich, fühlte sich gut an, doch sie war schlampig verarbeitet. Die Nähte dehnten sich zu leicht, als ich mit dem Finger prüfend durch die Tasche fuhr.<br />
»Sie wissen, dass ich Qualität haben will.«, sagte ich verärgert.<br />
»Sie merken alles.«, ich konnte sie lächeln hören.<br />
Sie gab mir sofort eine Tasche mit fast gleichem Schnitt, aber besserer Qualität. Es war ein Spiel. Jedes Mal, wenn ich hier war, gab sie mir eine Tasche aus der unteren Abteilung. Als ob ich nicht merken würde, wann es sich bei einer Ledertasche um Qualitätsarbeit handelte. Auch wenn ich auf meine Augen verzichten musste, die anderen Sinne funktionierten hervorragend. Ich nickte zufrieden. Zum Mandel- und Zitronengeruch von Elen Jacobi mischte sich wieder der andere Geruch. Es roch herb. Nach heißen Eisenspänen. Nach Handwerker.<br />
»Bauen Sie hier etwas um?«, fragte ich.<br />
»Nein. Hat sie etwas verwirrt?«, fragte sie zurück.<br />
»Wer ist außer uns noch hier?«<br />
»Ich sehe noch zwei weitere Kunden. Eine Frau, die ich nicht kenne – sie ist alternativ gekleidet. Und ein mir unbekannter Mann. Sehr elegant angezogen, wenn auch etwas übertrieben. Er trägt Manschettenknöpfe.«<br />
»Wie groß ist er?«, fragte ich.<br />
»Ungefähr so groß wie Sie.«<br />
»Ich denke, ich nehme diese Tasche hier.« Ich lächelte sie an, mit einem Lächeln, von dem ich wusste, dass ihm keine Frau widerstehen konnte.</p>
<p>Ich verließ den Laden eine halbe Stunde später. Wind zerrte an meinem Mantel, die Kälte zog mir die Nase zusammen. Ich spürte, wie sich kleine Härchen in meiner Nase verklebten. Ich wusste, wohin ich meine Schritte nun lenken würde, nach zwanzig Jahren in dieser Stadt waren meine Wege streng ritualisiert. Erst einen Tee, dann ein Eis. Die Menschen waren fröhlich, es war noch zu früh im Dezember, um den Weihnachtsstress auch in ihren Stimmen zu hören. Aus jedem Geschäft drangen Weihnachtsmelodien, vor den Geschäften grölten die unvermeidlichen Straßenmusikanten. Ein kratzendes Klappern begleitete meinen Weg, wurde leiser, wenn ich innehielt und hastiger, wenn ich mein Tempo beschleunigte.<br />
Ich hielt an einer Ampel und rempelte unsanft gegen eine Frau. Sie gab ein erschrockenes Japsen von sich, atmete aber ruhiger, als sie mich wahrnahm. Ich lächelte sie an, legte beruhigend meine Hand auf ihren Arm und atmete ihren Duft tief ein. Sie roch jung. Jemand stand dicht hinter mir und atmete in meinen Nacken.<br />
»Es tut mir leid – in dieser Menschenmenge kann ich mich nicht immer konzentrieren.«, sagte ich, verwirrt durch die unterschiedlichen Sinneseindrücke. Ich drehte mich um, der Atmer war verschwunden.<br />
»Kein Problem. Soll ich Sie noch über die Straße begleiten?«<br />
Ihre Stimme war dunkler, als ich es vermutet hätte, sie klang samtig. Ein Schauer lief über meinen Rücken. Dann senkte ich meine Stimme.<br />
»Vielleicht könnten Sie mir helfen. Ich habe das Gefühl, dass mir jemand folgt. Vielleicht ein Freund, der mich erschrecken will. Sehen Sie jemanden?«<br />
Sie lächelte, ich hörte ein leises Knistern. Sie hatte sich ihre Haare hinter das Ohr geschoben.<br />
»Das kann ich hier leider gar nicht sehen. Ich schlage vor, wir biegen bei der nächsten Gelegenheit in eine kleine Seitengasse ab. Dann kann ich feststellen, wer uns folgt. Ich weiß auch schon, wo wir abbiegen könnten.«, sie sprach leise.<br />
Das rhythmische Ticken der Ampel beschleunigte sich und sie zupfte an meinem Ärmel. Nach kurzer Zeit bogen wir nach rechts ab. Sie ging ein paar Schritte, dann hielt sie an.<br />
Ich konnte hören, wie sie sich umsah, ihre Jacke raschelte.<br />
»Es sind uns mehrere Menschen gefolgt. Weiter vorne steht eine junge Frau, die in ein Schaufenster blickt. Sie wirkt aber nicht so, als ob sie sich dafür interessiert.«, sagte sie.<br />
»Was hat sie an?«,<br />
»Eine bunte Mischung. Lamafelljacke. Palästinensertuch.«<br />
»Noch jemand?«, fragte ich.<br />
»Zwei junge Männer, aber die sind vorbei. Sahen aus wie Studenten.«<br />
»Wenn sie mich jetzt noch in die Neuhauserstraße bringen könnten. Ab dort finde ich alleine weiter.«<br />
Ich hätte auch von hier aus laufen können, aber ich wollte ihre Nähe noch einen Moment genießen. Sie hatte sich bei mir untergehakt, und bei jedem zweiten Schritt konnte ich ihre Brust an meinem rechten Arm spüren. Sie hielt an.<br />
»Darf ich Sie noch auf eine Tasse Kaffee einladen?«, fragte ich. Meine Visitenkarte hatte ich ihr bereits in die Jackentasche geschoben.<br />
»Ich würde gern. Aber leider fehlt mir die Zeit.«.<br />
Sie drückte kurz meinen Arm und verschwand. Ich musste meinen Weg alleine weiter gehen. Nach wenigen Metern tauchte das leise Klappern wieder auf.</p>
<p>…Mir hatte das fehlende Augenlicht nie Probleme gemacht, meine Eltern unterstützten mich und finanzierten meine Ausbildung. Ich wollte Medizin studieren und musste mich mit Geschichte der Medizin zufrieden geben. Nach dem Ende meines Studiums lebte ich von meinem Erbe und dem Einkommen als Dozent an der Universität. Seit vor 18 Jahren meine Frau bei einer Wanderung tödlich verunglückte, kannte mein Leben nur noch zwei Konstanten. Die Arbeit. Und die Frauen. Doch jedes Jahr, spätestens zum Todestag meiner Frau, löste ich die Beziehungen wieder auf. Ihren Platz konnte keine einnehmen…</p>
<p>Als ich durch die gläserne Tür das Café betrat, stieß ich mit einem Mann zusammen. Es roch wie im Ledergeschäft. Ich streckte meine Hand aus. Niemand. Ich wurde wie immer freundlich begrüßt und bekam ohne weitere Bestellung meinen Tee. Ich bestellte bei Maren meinen Eisbecher. Schokoladeneis, Zitrone, das beste Marzipaneis der Stadt, Kirschlikör und ein guter Schuss Amaretto. Darüber Krokantstreusel. Es dauerte einen Moment, bis ich mein Eis bekam, doch dann stellte mir jemand den Eisbecher vor die Nase. Er setzte sich zu mir an den Tisch. Der Geruch nach Eisenspänen war sofort wieder da.<br />
»Du änderst deine Gewohnheiten nicht, oder?«<br />
Da hatte er Recht. Nach jedem Einkauf kam ich hier her. Ich hatte es auch schon in anderen Cafés probiert, doch dort gab es im Winter kein Eis. Ich griff über den Tisch, befühlte seinen Arm. Er steckte in einem Hemd – mit Manschettenknöpfen.<br />
»Ist es nicht etwas einfallslos, den Frauen, die mit dir zusammen sind, jedes Jahr eine Tasche zu schenken?«, fragte er, und zog seinen Arm zurück.<br />
»Warum nicht? Ich bin mit keiner Frau länger als ein Jahr zusammen. Wo soll da das Problem sein?«, antwortete ich.<br />
Ich kramte Tabletten aus meiner Sakko-Tasche, schüttelte zwei davon in meine Hand und warf sie ein. Dann griff ich nach dem Glas, dass Maren stets neben den Eisbecher stellte und spülte die Tabletten mit einem Schluck lauwarmem Wasser hinunter. Ich spürte kurz, wie sie an meinen Gaumen stießen, dann konnte ich meine Gedanken wieder auf mein Gegenüber richten. Es war der Bruder meiner ehemaligen Freundin Ines. Ich hatte kaum mit ihm zu tun, solange ich mit ihr zusammen war. Ich griff nach dem Eislöffel, ließ ihn um meine gestreckten Finger kreisen und lehnte mich zurück.<br />
»Und? Was soll das werden?«, fragte ich ihn.<br />
»Dein Eis schmilzt.«<br />
Ich beugte mich leicht vor und sog den Geruch meines Eises ein. Es roch gut – man konnte den Krokant ausmachen, eine leichte Kirschnote und einen deutlichen Geruch nach Mandeln. Ich lehnte mich wieder zurück.<br />
»Was willst du von mir? Mit Ines habe ich schon lange nichts mehr zu tun.«<br />
»Ich weiß. Sie sitzt schon seit 3 Jahren im Gefängnis.«<br />
»Zu Recht. Sie hat versucht, mich umzubringen, nachdem ich mich von ihr getrennt habe.«<br />
»Du hast ihr Leben zerstört!«, er blaffte mich an.<br />
»Ich bin vollkommen unschuldig.« Ich sah die Sache damit als erledigt an und begann mit meinem Eis. Der Löffel stieß auf sanften Widerstand, geschickt löste ich ein angemessenes Stück Eis heraus, tunkte es in das Likör-Gemisch und schob es mir in dem Mund.<br />
»Es ist noch nicht beendet.«, sagte er.<br />
Wir schwiegen uns wieder an. Währenddessen arbeitete ich mich im Eisbecher nach unten. Erst als ich den Rest ausgekratzt hatte, hörte ich ihn wieder atmen.<br />
»Es ist geschafft. Du wirst dafür bezahlen, was du meiner Schwester angetan hast. Merkst du etwas?«, fragte er.<br />
Ich wusste nicht, was er meinte. Außer leichten Kopfschmerzen und einem Kratzen im Hals konnte ich nichts feststellen. Ich blieb eine Weile schweigend sitzen.<br />
»Tut mir leid. Mir geht es wunderbar. Wenn ich jetzt gehen dürfte?«<br />
»Bitte?«<br />
Ich konnte seine Verzweiflung hören. Ich hatte mich auf den Weg zu Maren gemacht, der Auftritt dieses Manns war mir nicht geheuer. Auf den Treppenstufen, die nach unten führten, hielt er mich an.<br />
»Du solltest röcheln. Rasende Kopfschmerzen haben. Zusammensinken. Auf dem Eis war Gift.«<br />
»Blausäure?«, fragte ich. Warum hatte er das gleiche Gift gewählt? »Da muss ich dich leider enttäuschen. Seit dem Zusammenstoß mit deiner Schwester sorge ich vor. Und schlucke bei Bedarf hoch dosiertes Vitamin B12.« Ich zückte mein Telefon. »Ich werde die Polizei anrufen. Ich kann dich nicht daran hindern, dass du verschwindest. Aber ich schätze, dass du nicht schnell genug bist. Grüße deine Schwester von mir.«</p>
<p>(1) &#8211; Die Quelle dieses Krimianfangs muss ich momentan noch schuldig bleiben &#8211; habe mich noch nicht durch alle Krimis gelesen.</p>
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		<title>Krimi Nr. 4 &#8211; Ubasute</title>
		<link>http://www.knutfinke.de/literatur/krimi-nr-4-ubasute/</link>
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		<pubDate>Mon, 12 May 2008 12:48:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>knutfinke</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krimi]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[SZ-Krimi]]></category>

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		<description><![CDATA[Das ist einer meiner persönlichen Lieblinge. Aufgrund der Verlagerung der Handlung nach Japan entspann sich allerdings eine heiße Diskussion darüber, ob mal als Europäer über Japan schreiben darf (darf man &#8211; siehe auch Akunin) &#8211; und ob die wissenschaftliche Beschäftigung (ich studierte unter anderem auch Japanologie) in literarische Stücke einfließen darf. &#8220;Plötzlich vernahm er ein [...]]]></description>
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<p>Das ist einer meiner persönlichen Lieblinge. Aufgrund der Verlagerung der Handlung nach Japan entspann sich allerdings eine heiße Diskussion darüber, ob mal als Europäer über Japan schreiben darf (darf man &#8211; siehe auch Akunin) &#8211; und ob die wissenschaftliche Beschäftigung (ich studierte unter anderem auch Japanologie) in literarische Stücke einfließen darf.</p>
<p><span id="more-116"></span></p>
<p><em>&#8220;Plötzlich vernahm er ein plumpsendes Geräusch hinter sich. Er wirbelte erschrocken herum. Dann stieß er einen Seufzer der Erleichterung aus; es war nur ein großer grüner Frosch. Er war aus dem Teich auf die Marmorstufe des Pavillons gesprungen. Nun saß er da und sah ihn feierlich mit seinen vorstehenden, blinkenden Augen an. “Du kannst nicht sprechen, Bastard!” bemerkte der Mann höhnisch. “Aber ich will doppelt sichergehen!” Indem er dies sagte, versetzte er dem Frosch einen heftigen Tritt, der ihn gegen das Tischbein schleuderte. Die langen Hinterbeine des Tieres zuckten, dann lag es still. “Geh zu deinen Kameraden!” sagte er verächtlich und stieß ihn ins Wasser. Mit einem Plumps fiel er zwischen die Lotospflanzen. Auf einmal zerriß das Quaken von Hunderten erschreckter Frösche die Stille die Nacht.&#8221;(1)</em></p>
<p>Makoto presste die Hände auf seine Ohren. Er sank in die Knie, prallte unsanft auf die Marmorstufen und blieb sitzen. Seine Frau fand ihn eine Stunde später in der gleichen Position.<br />
»Was machst du hier?«, fragte sie, nachdem er die Arme sinken ließ.<br />
Makoto blieb stumm und wich ihrem Blick aus. Ihr Kleid raschelte leise neben seinem Ohr.<br />
»Sie wollte es so. Es war unsere gemeinsame Entscheidung.«, sagte seine Frau.<br />
Makoto stand auf. Das Quaken der Frösche dröhnte in seinen Ohren.<br />
»Hörst du das?«, fragte er.<br />
»Was?«<br />
»Die Frösche.«<br />
»Ich höre nichts. Komm mit.«<br />
Er folgte seiner Frau, die um das Hauptgebäude des Shinto-Schreins herum ging, in den sie vor eine Stunde eine Opfergabe gebracht hatten. Der Garten blühte, trotz der Trockenheit, der Rasen war grün und saftig, weiße Kamelien standen in geordneten Linien entlang der Wege. Zwei junge Miko huschten kichernd, mit Gartenwerkzeugen in ihren Händen, über den sauber gerechten Kies.<br />
Megumi winkte ihm, er trottete hinterher – geschockt über sein Verhalten. Erstaunt, zu welcher Art Mensch er sich entwickelt hatte. Ihre kleine Tochter Akemi war bei Nachbarn geblieben. Sie hätte nicht verstanden, warum ihr Vater zu Tieren, gegenüber denen er ihr Achtung und Würde zu vermitteln versuchte, so brutal war.<br />
Sie erreichten ihre kleine Hütte, und Makoto eilte hinein, um in seine Arbeitskleidung zu schlüpfen. Er sog den Geruch nach Schweiß und feuchter Erde ein, den seine alte Jacke verströmte, als ob es sich um Kirschblüten handeln würde. Megumi führte der erste Weg zum Hausschrein, wo sie eine Schale mit neuem Reis befüllte und zwei Stäbchen hinein steckte. Makoto beobachtete sie stumm. Sie bestand darauf, Traditionen einzuhalten, auch wenn es schwer fiel, den Reis stehen zu lassen, und nicht zu essen. Er bewunderte sie und seine Tochter Akemi. Sie blieben vergnügt, obwohl das wenige Essen, das er täglich nach Hause brachte, immer eintöniger wurde.</p>
<p>Am nächsten Morgen stand Makoto vor Sonnenaufgang vor seiner Hütte. Er starrte in Richtung des Ubasute-Yama. Die Vögel, die vor einigen Minuten ein leises und sanftes Lied gesungen hatten, begannen laut und schrill zu trillern. Eine Schar Spatzen saß in den Bäumen und verhöhnte ihn. Makoto warf seinen Stab weg und ging in die Hocke. Er presste sich die Hände auf die Ohren, eine Träne löste sich aus seinem rechten Auge und floss langsam die Wange entlang. Wieder war es Megumi, die ihn aus der unbequemen Haltung befreite.<br />
»Hörst du die Vögel? Sie verletzen meine Ohren!«, er schrie sie an. Megumi blieb ruhig.<br />
»Ich höre nur ein leises Zwitschern. Du bist traurig. Es ist das Herz, das laut schreit. Wenn wir es nicht hören wollen, hören wir stattdessen etwas anderes. Höre auf dein Herz.«</p>
<p>…Er hatte eben nicht auf sein Herz gehört. Er hatte auf Sakura und Megumi gehört. Er spürte noch immer, wie seine Mutter auf seinem Rücken saß, wie sie ihn antrieb, immer weiter den Berg hinauf. Es brannte in seinen Lungen, die Seiten schmerzten von den Tritten seiner Mutter, die sofort anfing ihn zu kneifen und zu treten wenn er einen Moment stehen blieb…</p>
<p>Makoto sah seine Frau an, sie hatte ihn fest im Blick. Er spürte das Strahlen ihrer klaren Augen weit hinten in seinem Kopf. Es fühlte sich an, als könne sie in seine Erinnerung blicken. Wenn sie es könnte, würde sie nicht mehr versuchen, ihn zu trösten. Sie würde auch hier sitzen und die Vögel hören.<br />
Er blickte den staubigen Weg hinunter. Ein Mann kam den Weg hinauf, dort, wo zwei Rotkiefern mit ihren Ästen ein natürliches Tor bildeten. Er hatte einen schwarzen Holzstab in der Hand, war einfach gekleidet. Makoto sah, wie er in jede Hütte des Dorfes ging, und sich dabei immer weiter in ihre Richtung vorarbeitete. Sein Gesicht war wettergegerbt, er hatte graue Augenbrauen, einen strähniger Bart, so viel konnte er erkennen, als der Mann bei seinem Nachbarn in die Hütte ging. Ein Beamter des Daimyo. Es dauerte einen Moment, dann stand der Mann vor seiner Tür.<br />
»Makoto Machida?«, fragte er.<br />
Makoto verbeugte sich tief, der alte Mann deutete nur eine kurze Verbeugung an. Makoto wagte nicht, nach oben zu blicken, auch seine Frau hatte sich tief verbeugt und keuchte.<br />
»Takeo Hideyoshi. Du kannst dich aufrichten.« Er lächelte Makoto an, der sah, dass der alte Mann seiner Tochter Akemi, die neben ihm stand, über das Haar strich.<br />
»Dürfen wir Sie hereinbitten?«, fragte Makoto.<br />
Takeo Hideyoshi nickte kurz, und stellte seinen Stab an der Außenwand der Hütte ab. Er verbeugte sich kurz vor dem Hausschrein, dann wandte er sich den Gastgebern zu.<br />
»Ich zähle. Drei. Wo ist der Rest?«, fragte Takeo Hideyoshi.<br />
»Es gibt keinen Rest. Wir sind zu dritt.«, sagte Makoto.<br />
Takeo Hideyoshi nestelte umständlich ein Dokument aus dem Ärmel, schnürte es auf und entrollte das Papier.<br />
»Fünf. Sakura, Yutaka, Makoto, Megumi und Akemi Machida.«<br />
»Yutaka ist vor zwei Jahren verstorben. Sakura erst kürzlich.«, sagte Megumi.<br />
Der Beamte schaute sich in der Hütte um und nickte erkennend, als er die Zeichen der Trauer sah.<br />
»Dann ist es kein Problem, mir die entsprechenden Dokumente vorzuweisen.«<br />
»Wenn Sie sich einen Moment gedulden.« Megumi verschwand hinter einer dünnen Trennwand, man hörte sie wühlen. Schnell hatte sie gefunden, wonach sie suchte und überreichte dem Beamten mit einer Verbeugung ein dunkles Stück Papier. Er studierte es kurz, kratzte mit dem Daumennagel über sein eigenes Dokument und nickte.<br />
»Mir fehlt noch die Urkunde für Sakura.«<br />
»Die haben wir nicht.« Megumi antwortete, ihr Mann starrte durch den Beamten hindurch und rührte sich nicht.<br />
»Ich komme morgen wieder, dann könnt ihr mir die Urkunde geben.«<br />
Er erhob sich und verließ die Hütte ohne einen weiteren Gruß. Draußen nahm er seinen Stab, strich der umher springenden Akemi noch einmal durch die Haare und setzte seinen Weg durch die Hütten fort.</p>
<p>Makoto schwieg. Er nahm entfernt wahr, dass seine Frau mit ihm redete. Sie beschuldigte ihn, die Zukunft der Tochter aufs Spiel zu setzen. Wenn er die Urkunde nicht besorgte, müssten sie eine hohe Strafe zahlen. Der Daimyo kannte keine Gnade, wenn seine Untertanen versuchten, die ihm zustehende Steuer dadurch zu umgehen, dass sie sich versteckten, Kinder nicht angaben oder gar ihre alten Verwandten während der Volkszählung in die Berge schickten. Wer keine Mittel hatte, um die Beamten zu bestechen, musste korrekte Angaben machen.</p>
<p>…Daran hatte er nicht gedacht, als er den Berg hinab rannte. Schneller, immer schneller, bis er die Kontrolle über seine Beine verlor. Er landete unsanft in einem Reisfeld – und musste seiner Frau erklären, warum sein Gewand schon wieder einen Riss hatte…</p>
<p>Takeo Hideyoshi tauchte am nächsten Tag nicht auf. Auch in der nächsten Woche ließ er sich nicht blicken. Makoto hatte mit dem Guji des Dorfschreins wegen einer Urkunde gesprochen, doch nur einen strengen Blick geerntet. Obwohl er nicht gegen Traditionen gehandelt hatte, spürte Makoto zum ersten Mal, wie es war, wenn die Dorfgemeinschaft nicht hinter ihm stand. Bisher war die Gemeinschaft für ihn ein unverzichtbarer Rückhalt. In harten Jahren bekam er von Nachbarn Reis vor die Tür gestellt. Er bestand darauf, es zurückzugeben, doch niemand wollte etwas davon hören. Die schlechte Stimmung reizte ihn. Er ertappte sich dabei, wie er den Hund seines Nachbarn unsanft mit einem Stock verscheuchte.<br />
Eine Woche nach dem ersten Besuch tauchte Takeo Hideyoshi wieder auf. Er hielt ein gutes Stück entfernt, schob den Hut zurück und blickte zu Makotos Hütte hinauf. Makoto stand mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf auf dem Weg, unfähig, sich zu rühren. Der Beamte zog den Hut wieder ins Gesicht und kehrte Makoto den Rücken zu. Dann verschwand er.<br />
Das Schauspiel wiederholte sich jede Woche. Makoto konnte sich nicht rühren, Takeo Hideyoshi blickte ihn nur stumm an und drehte wieder um, ohne ihm näher zu kommen oder die Forderung, die er bei seinem ersten Besuch gestellt hatte, zu wiederholen.</p>
<p>…Makoto sah jede Woche in die Augen seiner Mutter. Wie sie ihm vergnügt winkte. Einen letzten Kuss auf seine Stirn drückte und dann mit der Hand auf den Boden griff um ihn mit Steinen, Erdklumpen und kleinen Stöcken zu bewerfen. Er sah sich den Berg hinunter rennen, weiter, immer weiter weg von seiner alten Mutter…</p>
<p>Sechs Wochen nachdem der Beamte zum ersten Mal im Dorf war, arbeitete Makoto am Abend vor seiner Hütte. Er spürte, dass es nur noch wenige Augenblicke dauern würde, bis Takeo Hideyoshi wieder auftauchen würde. Es tröpfelte, dann begann es stärker zu regnen. Makoto reckte sich, betrachtete seine Arme, auf denen sich der Staub langsam in eine schmierige Dreckschicht verwandelte, die vom immer stärker werdenden Regen von seinen Armen gewaschen wurde, bis nur noch ein dunkler Rand an den Händen übrig blieb. Die Regenzeit setzte ein – früher als in den letzten Jahren. Trotzdem hatte er seine Arbeit pünktlich beendet – sie würden eine Ernte erzielen, die reichte, um durch den Winter zu kommen und etwas von dem zurückzugeben, was ihm die Nachbarn in den letzten Jahren gegeben hatten.<br />
Er ging Takeo Hideyoshi entgegen, der ihm unter seinem Hut entgegenblickte.<br />
»Es tut mir leid. Wir haben keine Urkunde.«, sagte Makoto.<br />
»Ubasute?«, fragte Hideyoshi nur.<br />
Makoto nickte stumm.<br />
»Das Aussetzen der alten Menschen ist verboten. Schon lange. Das ist dir bekannt, oder?«<br />
Makoto nickte wieder. Seine Mutter und seine Frau hatten ihn dazu überredet. Das Essen war knapp – die junge Akemi sollte geschützt werden. Er hatte seine Mutter auf den Berg getragen, damit sie dort, fernab der Familie sterben würde, so wie es früher in seinem Dorf der Brauch war. Seine Mutter verhungerte. Für seine kleine Tochter.<br />
Er spürte den trockenen, harten Griff des Beamten an seinem Arm. Makoto war erstaunt, die Kraft hätte er dem Alten nicht zugetraut. Er blickte zurück zu seiner Hütte. Megumi stand vor der Tür, Akemi tanzte in den Pfützen, die sich vom Regen bildeten. Dann wurde er vom Beamten in die andere Richtung gezogen und folgte ihm, den Weg hinunter und aus dem Dorf hinaus.</p>
<p>(1)  Aus: Richter Di bei der Arbeit &#8211; Robert van Gulik</p>
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		<title>Krimi Nr. 3 &#8211; Ein Toter zu viel&#8230;</title>
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		<pubDate>Sun, 04 May 2008 10:39:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>knutfinke</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krimi]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[SZ-Krimi]]></category>

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		<description><![CDATA[Der erste Wurf, Januar-Krimi. Hat nicht die besten Kritiken bekommen, erzielte in der Publikumsabstimmung aber immerhin so viele Stimmen, dass ich ein Buchpaket bekommen habe(die ersten vier Bände der SZ-Krimi-Bibliothek). &#8220;Ein Telephon läutete in der Dunkelheit. Nachdem es dreimal geläutet hatte, knarrten Bettfedern, Finger tasteten auf Holz umher, etwas Kleines, Hartes schlug dumpf auf einen [...]]]></description>
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<p>Der erste Wurf, Januar-Krimi. Hat nicht die besten Kritiken bekommen, erzielte in der Publikumsabstimmung aber immerhin so viele Stimmen, dass ich ein Buchpaket bekommen habe(die ersten vier Bände der SZ-Krimi-Bibliothek).</p>
<p><span id="more-115"></span></p>
<p><em>&#8220;Ein Telephon läutete in der Dunkelheit. Nachdem es dreimal geläutet hatte, knarrten Bettfedern, Finger tasteten auf Holz umher, etwas Kleines, Hartes schlug dumpf auf einen Teppichboden, Bettfedern knarrten erneut, und die Stimme eines Mannes ertönte: Hallo … Ja, am Apparat … Tot? … ja … Fünfzehn Minuten. Danke.&#8221;</em>(1)</p>
<p>Nick legte auf. Er fixierte den Punkt in der Dunkelheit, auf den er in den letzten Stunden geblickt hatte und schwenkte das Glas leicht in der linken Hand. Die Eiswürfel klickten nur noch leise gegen den Rand des Glases. Mit einer entschlossenen Geste kippte er den Rest Whiskey in seinen Rachen und schob sich aus dem Bett. Zwei Schritte, dann stand er am Fenster. Langsam zog er die bleischweren Vorhänge zur Seite – gleißend helles Licht strömte direkt durch seine Augen hin zu dem Punkt, an dem sich seit zwei Stunden ein dumpfer Schmerz ausbreitete. Nebel hatte sich, dick und weiß, über die Stadt gelegt. Nick senkte die Augenlider und blickte auf den Nachtisch. Dunkle Flecken tanzten über den Bottich, den er mit Eis gefüllt hatte. Als er daneben die geleerte Flasche Brora stehen sah, wusste er wieder, warum er am liebsten im Dunkeln trank. Er hob das heruntergefallene Eisstück auf und legte es sich auf die Stirn. Nick stöhnte auf, schnappte sich seine Dienstwaffe und verließ seine Wohnung. Auf der Schwelle fuhr er sich über die grauen Bartstoppeln, atmete tief durch, ging aus dem Haus und steuerte unsicher auf seinen alten Wagen zu. Zu spät registrierte er die leisen Schritte, dann klickte es kurz.<br />
»Sie wollen doch in diesem Zustand nicht Ihren Wagen benutzen.«, sprach ihn eine dunkle Stimme an.<br />
Nick drehte sich langsam um. Er blickte in ein grinsendes Gesicht. Unsanft wurde ihm eine Pistole in den Magen gestoßen.<br />
»Ganz langsam. Jacke aufmachen. Hände und Beine auseinander. Die Waffe, bitte.«<br />
Der Unbekannte durchsuchte ihn. Nick spürte eine kalte Hand unter seinem Hemd, dann ließ er seine Faust in das grinsende Gesicht krachen.<br />
»Arschloch. Ich nehme deinen Wagen.«, brummte er, als sein Gegenüber zusammensackte. Er hob die Waffe auf, durchsuchte die Manteltaschen und nahm einen Schlüsselbund an sich. Dann packte er den schlaffen Körper und schleppte ihn in Richtung eines nagelneuen blauen Fords, der verloren vor dem Haus stand. Nick zerrte den Burschen in den Kofferraum und verpasste ihm einen weiteren Schlag.</p>
<p>Eine halbe Stunde später kam er am Tatort an. Seit zwei Monaten wurden in der Stadt Polizisten umgebracht, fünf Kollegen waren den Mördern zum Opfer gefallen. Zeugen der ersten beiden Morde hatten fast identische Angaben gemacht – ein Mann und eine junge Frau, unterwegs in einem neuen Auto, hätten mit dem Polizisten geredet, nach dem Weg gefragt oder eine andere Auskunft erbeten – in einem unbeobachteten Moment fielen gezielte zwei Schüsse. Ein tödlicher Schuss direkt in den Kopf, ein zweiter zwischen die Beine.<br />
Niemand wollte mehr auf der Straße Dienst tun. Nick konnte die Kollegen verstehen. Vier Wochen waren vergangen, seit der letzte, der fünfte Polizist erschossen wurde, und sie hatten gehofft, die Serie wäre zu ihrem Ende gekommen.<br />
Nick stieg vorsichtig aus dem Wagen. Nachdenklich betrachtete er eine Beule an der Fahrerseite. Er atmete tief ein. Nasskalte Luft drang in seine Lungen, befeuchtete die Haare in seiner Nase, langsam kroch der Nebel in seine verschmutzte Kleidung. Er schlug die Tür zu und schleppte sich zur Absperrung. Paul erwartete ihn bereits, kam auf Nick zu und blieb kurz vor ihm stehen.<br />
»Wer?«, krächzte Nick.<br />
Paul wandte sein Gesicht leicht zur Seite.<br />
»Mark – Thomas. Ist seit drei Wochen bei uns.«, er packte Nick am Ärmel und sah ihn eindringlich an. »Immer noch Lynn?«<br />
Nick nickte nur kurz und schüttelte unbeholfen seinen Arm. Die beiden tauchten unter der Absperrung hindurch und gingen zur Leiche.<br />
»Was machen die hier?«, fragte Nick. Er blickte kurz zu drei adrett gekleideten Männern, die ins Gespräch mit der Technikerin vertieft waren.<br />
»Balen, Edwards und Reed. Sie ermitteln. Die Bundesbehörde hat sich eingeschaltet. Sie finden, die Nummer ist zu groß für uns.« Er schnaufte hörbar durch die Nase. »Arrogantes Pack!«<br />
Tief gebückt umkreiste Nick die Leiche, versuchte, sich die Position und Haltung des Opfers einzuprägen. Er hatte das Gefühl, dass dieser Mann anders lag als die letzten Opfer. Oder gab ihm der Whiskey diese Vermutung ein? Er blickte zu Paul auf.<br />
»Findest du, dass etwas anders ist?«<br />
»Nein. Warum?«<br />
»Er liegt anders. Er hat sich nicht gewehrt.«, meinte Nick.<br />
»Die anderen aber auch nicht.«<br />
»Trotzdem.« Nick richtete sich auf, jetzt blickte er leicht auf Paul hinab. »Lass uns zu Jule gehen.«<br />
Paul folgte Nick zur Kriminaltechnikerin, die kopfschüttelnd und gestikulierend mit den drei Bundespolizisten diskutierte.<br />
»Es waren nicht die gleichen Mörder.«, sagte sie.<br />
»Es ist das gleiche Vorgehen.«, wandte einer der Männer ein. Edwards. Sie trugen ihre Ausweise offen, an die Anzüge geheftet.<br />
Jule drehte sich zu Paul und Nick um. »Ich bin davon überzeugt, dass es nur ein Täter war.« Sie winkte mit zwei Patronenhülsen, die sie in Plastiktüten verpackt hatte. »Die Schüsse wurden aus der gleichen Waffe abgefeuert. Bei den anderen Fällen hat es sich um zwei verschiedene Waffen gehandelt. Ein schneller Blick auf die Tüten reichte Nick, um zu sehen, dass Jule Recht hatte. Er schaltete sich in die Diskussion ein.<br />
»Meine Kollegin hat Recht.«<br />
»Davon sind wir nicht überzeugt.«, sagte Edwards.<br />
»Sie behaupten, es wäre einer von uns.« Jule war empört.<br />
»Wir können es beweisen. Alle Opfer waren gemeinsam auf der Polizeischule. Vor zehn Jahren gab es dort eine Vergewaltigung. Schülerin. Die Täter haben Masken getragen. Der Fall wurde nie endgültig geklärt.« Im Stakkato klärte Edwards über das vermeintliche Motiv auf.<br />
»Wir waren alle auf der gleichen Polizeischule. Das beweist noch gar nichts. Meine Männer sind keine Vergewaltiger.«, sagte Nick.<br />
»Alle sind verdächtig. Sie auch. Wir haben mit der Überprüfung bereits begonnen. Zwei unserer Kollegen sind unterwegs, um alle in Frage kommenden Polizisten zu kontrollieren. Und wir erwarten erste Ergebnisse, denn einer unserer Kollegen ist gerade eben eingetroffen.« Er grinste höhnisch und nickte zum Parkplatz hin.<br />
Nick konnte außer ein paar neugierigen Passanten, den Polizeiwagen und seinem Gefährt nichts erkennen. Rumpeln und lautes Klopfen war zu hören. Paul und Jule blickten sich fragend um, Nick griff in seine Manteltasche. Er warf Edwards den Autoschlüssel zu.<br />
»Ihr könnt ihn wieder haben.« Dann drehte er ihnen den Rücken zu und beschäftigte sich wieder mit der Leiche.<br />
»Irgendjemand muss es seiner Frau sagen.« Paul war jetzt direkt an seiner Seite.<br />
»Ich kann nicht mehr.«, entgegnete Nick.<br />
Paul legte die Hand auf Nicks Rücken. »Ich werde es tun. Wir haben sie zu uns aufs Revier bestellt. Aber bitte komm mit.«</p>
<p>So weit kam es nicht. Nick wurde von zwei Männern hochgezogen, Handschellen klickten. Er drehte sich um und blickte in das geschundene Gesicht seines ungebetenen Besuchers. Die Bundesbeamten sahen ihn hasserfüllt an.<br />
»Sie kommen mit. Wir werden aus Ihnen herauspressen, was sie mit diesen Fällen zu tun haben.«, schrie ihn Edwards an.<br />
»Rein gar nichts«, sagte Nick ruhig. Sein Gegenüber schlug kurz und hart in seinen Magen. Nick zog reflexartig das Bein hoch und trat zu und Edwards ging zu Boden. Zwei harte Schläge auf Nicks Schädel verhinderten eine weitere Gegenwehr, dann wurde er vom Tatort weggezerrt…</p>
<p>Nick saß, angekettet an einen Stuhl, im großen Aufenthaltsraum des Polizeireviers. Die Bundesbeamten hatten sich zurückgezogen und schienen über der Verhörtaktik zu brüten. Sie hatten Nicks Dienstakte angefordert und redeten sich in einem der Nebenzimmer die Köpfe heiß. Jule ging an seinem Stuhl vorbei und steckte ihm einen Zettel zu. Nick faltete das Papier auf, las den Inhalt schob den Zettel in seine Hosentasche.<br />
Kurz darauf führte Paul eine Frau in den Aufenthaltsraum, entschuldigte sich, und bat darum, dass sie sich noch einen Moment gedulden müsse. Er blickte nur kurz zu Nick. Nick konnte aus seinem Blick nichts herauslesen. Dachte Paul, er wäre schuldig?</p>
<p>»Was haben sie ausgefressen?«, fragte die junge Frau freundlich.<br />
»Ich habe sechs Polizisten umgebracht. Denken die hier.«<br />
Die junge Frau lächelte ihn an.<br />
»Muss ich vor Ihnen Angst haben?«<br />
Nick klapperte mit den Handschellen, die ihn an dem Stuhl festbanden. »Ich denke nicht.«<br />
»Mein Mann war das letzte Opfer.«, sagte sie bestimmt, und mit einer Spur Sicherheit in der Stimme, die Trauer überdecken sollte. Nick blickte abschätzend zu der Frau hinüber. Sie hatte keine Miene verzogen.<br />
»War das schwer für Sie?«, fragte er.<br />
»Ich habe es noch nicht realisiert.«<br />
»Ich meine nicht den Mord an Ihrem Mann.«, Nick sprach betont langsam.<br />
Sie blickte ihn fragend an.<br />
Edwards und Reed kamen auf ihn zu und lösten die Handschellen. Nick stand auf, rieb sich die Handgelenke und lächelte der Frau freundlich zu. Die beiden Beamten zerrten an seinem Mantel. Nick blickte auf die junge Frau. Er genoss den Augenblick. Dann wandte er sich ab und ging den Gang hinunter.<br />
»Was meinen Sie?«, rief sie ihm hinterher.<br />
Er drehte sich um. »Wie war es, mit dem eigenen Vergewaltiger verheiratet gewesen zu sein?«. Nick ging er unbeirrt zu seinem Verhör. Er nickte Paul und Jule zu, und wusste, dass ihm die arroganten Säcke der Bundespolizei nichts anhaben konnten.</p>
<p>(1) Aus: Der Malteser Falke, Dashiell Hammett</p>
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		<title>Krimi Nr. 2 &#8211; Ouzo für eine Leiche</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Apr 2008 18:42:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>knutfinke</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krimi]]></category>
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		<description><![CDATA[Hier ein weiterer Kurzkrimi &#8211; ebenfalls anlässlich des SZ-Krimiwettbewerbs geschrieben &#8211; und zudem im gleichen Monate wie der letzte Krimi.  Kurz erklärt: nehmt es nicht all zu ernst&#8230;  Wem das nicht gefällt &#8211; ein Krimi-Tipp am Rande &#8211; hier gibt es interessantes über ein kostenloses Krimi-Hörbuch zu lesen&#8230; &#8220;Vielleicht sah sie deshalb so häufig aus [...]]]></description>
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<p class="text_schwarz">Hier ein weiterer Kurzkrimi &#8211; ebenfalls anlässlich des SZ-Krimiwettbewerbs geschrieben &#8211; und zudem im gleichen Monate wie der <a href="http://www.knutfinke.de/literatur/krimi-nr-1-griechische-kuche/trackback/">letzte</a> Krimi.  Kurz erklärt: nehmt es nicht all zu ernst&#8230;  Wem das nicht gefällt &#8211; ein Krimi-Tipp am Rande &#8211; <a href="http://hoermalzu.edublogs.org/2008/04/09/kostenloses-krimi-horbuch-als-wochentlicher-podcast/">hier </a>gibt es interessantes über ein kostenloses Krimi-Hörbuch zu lesen&#8230;</p>
<p><span id="more-94"></span></p>
<p class="text_schwarz"><em>&#8220;Vielleicht sah sie deshalb so häufig aus dem Fenster. Um zu sehen, was für Wetter war. Das macht man ja oft, wenn man aufsteht. Und jedes Mal, wenn es draußen häßlich war, mußte sie natürlich an Griechenland denken. Bei diesen Betrachtungen stiegen mit den Jahren immer häufiger nostalgische Erinnerungen in ihr hoch, die sich an manchen Morgen bis zu Groll steigerten. Dann war es wieder vorbei. Aber heute morgen stimmte etwas nicht im Garten. Sie öffnete das Fenster und musterte das Fleckchen Erde, auf dem sie jeden Grashalm kannte. Was sie sah, ließ sie frösteln.&#8221;(1)</em></p>
<p>Auf dem trockenen Erdboden in ihrem Garten lagen kleine, weiße Markierungen. Sie bildeten einen Kreis. Ihr Mann bog um die Ecke. Er trug, wie jeden Morgen, seine Lockenwickler, sein Hemd war weit aufgeknöpft. Er schob einen Schubkarren, auf dem ein lebloser Körper lag. Quer darüber wackelte ein Gartentisch hin und her. Elsa stieß das Fenster zu, lief zur Haustür und holte ihren Mann kurz vor den Markierungen ein.<br />
»Was machst du mit der Leiche?«, fragte sie.<br />
»Ich habe noch drei weitere. Die kommen hier und hier hin.« Er deutete auf die Markierungen.<br />
»Wofür?«<br />
»Ich will eine griechische Dorfszene nachstellen. Männer die Tavli spielen. Und ein paar Zuschauer. Eine idyllische Szene.«<br />
Ihr Mann war Griechenland-Fan. Fanatiker, um es korrekt zu benennen. Der vormals grüne Garten war einer griechischen Einöde gewichen. Hier und dort ragten künstliche Säulenfragmente aus dem bräunlichen Sandboden. Zwischen Zypressen lugten vereinzelte Pinien hervor. Sven hatte überall Steine verstreut, die Wiese fast vollständig abgetragen und durch Macchie-Sträucher ersetzt. Den paar Grashalmen, die noch standen, hatte Elsa Namen gegeben.<br />
»Wo hast du die Leichen her?«<br />
»Janes Krimibedarf. Sie halten ein Jahr – und wenn man sie im Winter nicht draußen stehen lässt, dann könnten sie sogar noch ein weiteres Jahr unseren Garten verschönern.« Er lud den Tisch und die Leiche ab und verschwand mit der Schubkarre hinter dem Haus.</p>
<p>…Es hatte harmlos angefangen. Flitterwochen auf Kreta. Der erste Urlaub in Athen. Gemeinsame Reise mit seinen Eltern nach Trikala. Die Einladung eines alten Kollegen nach Korinth. Sven hatte da und dort Andenken aus Griechenland mitgenommen. Was sie nicht im Auto oder im Flugzeug transportieren konnten, ließ er sich von Freunden schicken. Er dekorierte das Wohnzimmer um und tobte sich im Garten aus.<br />
Dann fing er an, sich zu verändern. Sven hatte ursprünglich raspelkurze, blonde Haare, war groß, etwas weich im Gesicht, aber sehr anschmiegsam. Nun trug er sein Haar halblang und es war pechschwarz. Sogar sein drei-Tage-Bart, den er stehen ließ, wurde härter und dunkel. Wie er das anstellte, war Elsa noch immer ein Rätsel. Vielleicht hing es mit der stärkeren Behaarung zusammen, die sie ganz allgemein bei ihm festgestellt hatte. Sein blass-rötliches Gesicht nahm mit der Zeit einen Oliveton an. Er experimentierte mit Solarien und Bräunungscremes, bis er den richtigen Farbton gefunden hatte…</p>
<p>»Kannst Du mir mal helfen?« er kam um die Ecke.<br />
»Sven…«<br />
»Du weißt doch« er blickte sie vorwurfsvoll an.<br />
»Sotirios, findest du das nicht ein bisschen übertrieben?«<br />
»Blödsinn. Auf die richtige Stimmung kommt es an. Du liebst Griechenland doch auch. Hier können wir uns heimisch fühlen, und sind gleichzeitig dort.«<br />
Elsa zuckte resigniert mit den Schultern und half Sven-Sotirios bei der zweiten Leiche. Gemeinsam schafften sie es, der Szene richtig Leben einzuhauchen.<br />
»Fehlen nur noch die Zuschauer. Die habe ich auch noch.«<br />
»Was ist denn, wenn die doch nicht so lange halten?«<br />
»Dann sorge ich für Nachschub!« Er zückte ein Messer und starrte Elsa mit irrem Blick an.<br />
Elsa zögerte keinen Moment. Sie rannte, so schnell sie ihre Beine tragen konnten. Weg, nur weg von ihrem verrückten Mann. Sie hörte ihn noch rufen.<br />
»Nein! Nicht da hin!«<br />
Elsa lief weiter. Dann war sie wie vom Erdboden verschluckt.</p>
<p>Sotirios zuckte mit den Schultern.<br />
»Da war die Geschichte zu Ende – weiter als hinter diesen kleinen Erdhügel reichen die Beschreibungen des Autors nicht. Ich habe das oft kritisiert. Das wusste sie!« Dann packte er den Schubkarren und holte die dritte Leiche.</p>
<p>Elsa stand in einer Art Nebel. Nirgends war etwas zu sehen. Es war weder hell noch dunkel – weder warm noch kalt – es war nicht bunt und auch nicht schwarz-weiß. Sie hatte seine Warnungen vergessen. Und nun stand sie außerhalb ihrer eigenen Geschichte. Sie hatte keine Ahnung, wie sie wieder zurückkommen sollte, denn orientieren konnte sie sich hier im Nichts nicht. Sie blickte auf ihre Beine hinab und hatte langsam Schwierigkeiten, diese zu erkennen. Sie fror. Oder schwitzte sie? Elsa versuchte, sich umzudrehen, aber sie hatte nicht das Gefühl, dass sich an ihrer Situation etwas änderte.<br />
Ein grüner Streifen schoss auf sie zu – zwei Sekunden später stand sie auf einer prächtigen Wiese. Frische Blumen verströmten einen süßen Duft, das Gras war satt und grün, kleine, bunte Käfer krabbelten zwischen den Halmen umher. Elsa glaubte, ein Vogelzwitschern zu hören. Sie folgte dem Grünstreifen. An seinem Ende wurde der Bewuchs dünner. Hier war der Übergang zu ihrer Geschichte. Für die grüne Pracht war dort kein Platz.</p>
<p>Elsa purzelte zurück in ihre griechische Realität. Sven hatte mittlerweile die Leichen drapiert und werkelte auf dem Dach herum.<br />
»Was machst du da?«, rief Elsa.<br />
»Ich? Siehst du gleich. Ich komme runter.«<br />
Elsa erwartete nichts Gutes. Mit einem Strahlen lief ihr Mann aus dem Haus und wedelte mit einem Plastikteil, an das er eine Schnur gebunden hatte. Elsa blickte genauer hin. Es war ein Kabel. Sven stellte sich direkt neben sie, und reichte ihr eine Sonnenbrille.<br />
»Dich macht doch das trübe Wetter immer so nachdenklich – du sehnst dich nach Griechenland, das weiß ich.«<br />
Wusste er. Elsa setzte ihre Brille auf und schüttelte innerlich den Kopf.<br />
»Damit wir nicht mehr frieren müssen.« Er drückte einen Knopf, es klang, als ob ein Feuerwerk gezündet wurde und augenblicklich konnte Elsa das Haus nicht mehr erkennen. Es war unerträglich hell. Elsa drehte sich zu den stummen griechischen Zeugen um. Die schwarzen und weißen Tavli-Steine verpufften mit einem empörten Knall und lösten sich in Rauch auf. Etwas brummte.<br />
Es klirrte und ein undeutlicher, kleiner Gegenstand schoss aus der Richtung des Hauses direkt auf sie zu. Elsa wich aus, ihr Körper bewegte sich wie in Zeitlupe. Dann sah sie nichts mehr.</p>
<p>Sie zwickte sich in den Arm. Sie lebte. Und langsam konnte sie Schemen erkennen. Irgendjemand hatte das Licht wieder ausgeschaltet. Sven kam bereits mit dem kleinen Kasten in der Hand zu ihr. Der Kasten dampfte.<br />
»Da braucht es wohl noch etwas Feinarbeit.« Er lächelte sie an, und zog seine Sonnebrille langsam ab. Trotz seiner Bräune konnte man deutlich sehen, wo die Brille gesessen hatte. Wie ein nackter Arsch glänzten die Wangenknochen aus dem tiefgebräunten Gesicht. Jetzt erkannte auch Elsa, was er in der Hand hielt. Der Stromzähler hatte der Extrembelastung nicht standgehalten und sich demonstrativ verabschiedet.<br />
»Das ist unsere Sonne. Was sagst du dazu?«<br />
Elsa schüttelte nur den Kopf.<br />
»Ich gehe jetzt rein. Das muss reichen.«</p>
<p>Sie drehte sich in Richtung des Hauses um – bunte Flecken tanzten vor ihren Augen. Doch Sven trat hinter sie und hielt sie fest.<br />
»Bleib hier. Setz dich mit mir an den Tisch, bitte.«<br />
Er zerrte sie zurück und platzierte sie neben eine der Leichen an dem Tisch. Traurig schaute er auf die kümmerlichen Reste der Steine. Elsa hatte den Kopf gesenkt. Ihr Blick fiel auf ihren Ehering, den Sven vor zwei Wochen umgravieren ließ. Jetzt stand dort Sotirios. Sie war mit einem Mann verheiratet, mit dem sie nicht vor dem Traualtar gestanden hatte.<br />
Sanft nahm er ihre Hand, zog sie wieder nach oben und streckte seine Arme aus. Er wollte mit ihr tanzen. Einen kurzen Moment dachte Elsa, dass er einen romantischen Anflug hätte, doch als er sanft in die Knie ging, wusste sie, was er tanzen würde. Sie griff hinter sich, hob das Messer auf, das er auf den Tisch gelegt hatte und näherte sich ihrem tanzenden Gatten. Sotirios blickte sie erstaunt an. Sie nahm noch einen leichten Anisduft wahr, als er seinen Mund für einen Schrei öffnete. Dann stach sie zu. Zwei Mal. Drei mal. Sotirios fiel zu Boden. Elsa wusste, dass auch Sven nicht mehr aufstehen würde.<br />
Sie zuckte mit den Schultern. Bei Jane in dem kleinen, dunklen Laden gab es einen Ratgeber für das perfekte Versteck einer Leiche. Und ein Alibi würde sie auch mitnehmen.</p>
<p>(1) Aus: Es geht mir gut, Margaret Millar</p>
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